Mittwoch, 7. Mai 2008

Lilli in London (lang ist's her)

Morgens beim Laufen treffe ich immer die gleichen paar Leute – die Frau mit dem weißen Mantel, den Schlurfe-Teenager im Kapuzenpulli und den älteren Herrn mit dem lustigen Hütchen. Als ich vor vielen Jahren in London mein Praktikum machte, stieg ich morgens, um mir das Busgeld für eine Zone zu sparen, eine Haltestelle früher aus und marschierte gute 15 Minuten bis in die Agentur. Auf diesem Weg kam mir auch täglich der gleiche junge Mann entgegen – rothaarig, mit Bürstenhaarschnitt und Tweedjacke. Was hätte sich da für eine schöne Liebesgeschichte anbahnen können, denn nach einer Woche fingen wir an, einander zuzulächeln und schließlich sogar zu grüßen. Normalerweise begegnete ich ihm auf der Höhe einer Schule, die mit riesigen Eichen und einer Backsteinmauer umgeben war, auf der ein Schild mit dem Hinweis „Do not loiter“ angebracht war. Es dauerte lange, bis ich kapierte, was dieser Hinweis bedeutete, und bis heute komme ich nicht drauf, wie man ihn ins Deutsche übersetzen könnte: „Herumlungern verboten“, so ein Schild gibt es doch bestimmt in Deutschland nicht? War ich früher dran, traf ich den Rothaarigen beim Pub, und wenn ich später dran war, begegneten wir uns weiter vorne beim Blumenladen. War ich wiederum pünktlich, konnte ich an unserem Treffpunkt erkennen, ob er seinerseits früher oder später dran war als sonst – ein wahres Lehrstück der angewandten Relativität. Sechs Monate lang ging das so von Montag bis Freitag, und als mein letzter Praktikumstag gekommen war und ich mir fest vorgenommen hatte, zur Feier des Tages ein paar Worte mit ihm zu wechseln und mich von ihm zu verabschieden, da tauchte er einfach nicht auf. Fehlanzeige. Nix. Ob er an diesem Tag mit Grippe im Bett lag, sich beim Zähneputzen den Finger verstaucht hatte oder aber dabei war, seine Sandkastenfreundin zu heiraten – ich werde es nie erfahren, und genau in dieser Unvollendetheit liegt meiner Meinung nach der Reiz dieser Erinnerung.

Verliebt habe ich mich übrigens in einen anderen, damals in London. Er war aus Kanada und taucht hier ab und zu unter dem Decknamen „Monsieur“ auf…

Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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Zuletzt aktualisiert: 23. Mai, 03:27

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