Zonstiges
Eine nicht zu unterschätzende Nebenwirkung des selbständigen Arbeitens ist diese: man wird, so man einen Klamottenladen betritt, der andere Sachen verkauft als bedruckte T-Shirts und Kapuzenpullis in Größe 128, vom schieren Preis der Dinge erschlagen. Der Freelancer hat, wie bereits erwähnt, keinerlei Bedarf an schicken Klamotten, da er selbst bei Kundenbesuchen in Jeans antanzen darf bzw. sollte, um seinen Status als freier Mitarbeiter visuell zu unterstreichen. Er kauft schicke Klamotten deshalb nur, wenn sie gnadenlos runtergesetzt sind und es gewissermaßen eine Sünde wäre, sich dieses Schnäppchen entgehen zu lassen. Wagt der Freelancer dann den Schritt zurück an einen Arbeitsplatz, an dem er für andere Leute sichtbar ist, behält er den Reflex, nur Ware zum Sonderpreis zu erstehen, erst einmal bei. Was Lilli ihre zwei sehr schicken Röcke und fünf Oberteile für insgesamt 228 Dollar beschert hat. Und das, liebe Mitkonsumenten, ist billiger als das Montieren von Winterreifen.
Lilli legt los - 17. Nov, 19:58
Wieviele verhunzte, zu matschige, bröckelige oder sonstwie versalzene Brote muss man eigentlich essen, bis ein Brotbackautomat ein akzeptables Ergebnis zustande bringt? Falls es irgendwo da draussen ein unfehlbares Vollkornbrotrezept gibt - her damit, aber schnell.
Lilli legt los - 5. Nov, 12:05
Die Tatsache, dass die Autorin genauso alt ist wie Lilli, hat Lilli leicht erschüttert. Denn dieser Roman ist nicht nur klug und feinfühlig, er ist auch noch elegant zu Papier gebracht und trotz einiger eher komplizierter philosophischer Passagen vergnüglich zu lesen. Was aber Lilli zutiefst befriedigt und noch Tage nach Beenden der letzten Seite mit einem wohligen Gefühl des Einklangs ausfüllt, ist sein Ende, das GENAU SO UND NICHT ANDERS sein musste. An manchen Tagen, an denen die ambiante Banalität des eigenen Lebens krass auf den regenbespritzten Fensterscheiben geschrieben steht, ist es ein Balsam für die Seele, dass es Literatur gibt, die sich schön geschliffen wie ein Edelstein präsentiert und den Leser entführt in eine schönere Welt. Wenigstens für einen Moment.
Lilli legt los - 22. Okt, 09:28
Morgen muss Lilli wieder arbeiten, aber inzwischen verursacht ihr diese Feststellung nur noch eine leichte Gänsehaut - die Zeit der Magenkrämpfe und Schweissausbrüche scheint erst einmal vorbei zu sein. Morgen also muss Lilli ins Büro, sie muss Texte schreiben, Fotos suchen, einen Plan aufstellen, ein paar Sachen ausrechnen... und für 1000 Dollar Schokolade kaufen. Vor allem Letzteres beeindruckt die Strolche unheimlich.
Lilli legt los - 15. Okt, 09:07
Lilli ist eine Frau mit Prinzipien: das erste Gehalt muss - zumindest teilweise - auf den Kopf gehauen werden. So ist Lilli jetzt stolze Besitzerin hoher enger Stiefel, deren hellgraues italienisches Leder weicher ist als ein Babypopo. Ähem, und der passenden Handtasche. Aber nur, weil die dann im Prinzip ein Schnäppchen war. Damit ist der Gang zum Bahnhof jetzt schon ein kleines bisschen weniger schlimm...
Lilli legt los - 7. Okt, 11:32
Das hat Lilli nun davon: da wirft sie eine etwas verrückte Idee in die Luft, Monsieur fängt sie prompt auf und wirft sie ihr, konkreter jetzt, zurück: schau halt mal. Denn es ist ja so: Monsieur muss immer mal wieder beruflich und privat nach Québec, einer Stadt, die hundertmal schöner und sympathischer ist als Montréal und mit einem fast richtigen Schloss auf einer richtigen Klippe, einer Stadtmauer, kleinen buckligen Sträßchen und einer prickelnden Kulturszene alles zu bieten hat, was zu einem netten verlängerten Wochenende dazugehört. Außerdem müssen Lilli und Monsieur auch an Weihnachten, Ostern, dem Geburtstag der Schwiegermutter und anderen heiligen Tagen des Jahres nach Québec, wo sie bei Lillis Schwägerin auf knarzenden Ausziehsofas schlafen und so viel Intimität haben wie ein Eisverkäufer auf der Stuttgarter Königstraße. Die Idee also, sich in Québec eine klitzekleine Wohnung zu suchen, in der man kommen und gehen könnte, wie man Lust hat, nahm Gestalt an und ist der Grund dafür, warum Lilli nun hypnotische Stunden im Internet zubringt, wo sie Photos von Ledersofas vor alten Stuckwänden und Bädern mit blauen Blümchen ansieht und sich vorzustellen versucht, wie wohl die Wohnung insgesamt ist und ob es sich dabei um eine gute Anschaffung handeln könnte. Die Einblicke, die man dabei in fremde Leben erhält, sind besser als die Lektüre von „Bunte“ und machen mindestens genauso süchtig wie Gummibären. Lilli sitzt und schaut, klickt und schaut und kann ihre Augen nicht davon abwenden. Für manche Leute ist der Ikea-Katalog so gut wie Porno. Lilli hat jetzt noch etwas Besseres gefunden…
Lilli legt los - 28. Sep, 10:24
Letzten Montag schlotterte Lilli vor Angst, weil am Dienstag der erste Arbeitstag beim neuen 2-Tage-Job anstand. Dabei wusste sie noch gar nicht, wovor sie eigentlich Angst haben sollte – es war eher so die Angst vor dem Ungewissen und dem eventuell bevorstehenden Scheitern, das schließlich nie auszuschließen ist. Womit sie sich im Handumdrehen als Minderwertigkeitskomplexträgerin zu erkennen gibt. Diese Angst kennt Lilli, die hatte sie früher schon, wenn sie in Vorarlberg in den Skikurs oder aber allein mit dem Zug an den Bodensee fahren sollte. Am Dienstag Abend hatte sich diese Angst vor dem Ungewissen in die Angst der Mogelpackung verwandelt – diese Leute scheinen von Lilli Wunder zu erwarten, denen Lilli sich absolut nicht gewachsen fühlt und die schon gar nicht in zwei mickrigen Tagen pro Woche erbracht werden können. Denkt Lilli zumindest jetzt. Dabei weiß sie ganz genau, dass nach den ersten Tagen alles erst mal schlimmer aussieht, als es ist, und man noch kein Urteil fällen kann. Sie weiß es und wimmert trotzdem innerlich, schläft schlecht und rechnet schon mal, wann sie wohl wieder kündigen kann, ohne dass es überstürzt aussieht. Und weiß, dass sie übertrieben reagiert…
Manchmal kennt Lilli sich so gut, dass sie sich direkt zum Hals raushängt.
Lilli legt los - 14. Sep, 10:26
Zehn Tage lang hatte Lilli einen schmerzhaften, gut 20 cm langen blauen Fleck in der Form von Afrika am Schienbein, weil sie über ein zwanglos in ihrem Arbeitszimmer herumstehendes Hockeytor gestolpert ist. Seltsam, denkt Lilli sich, und dabei spielen sie in Afrika doch gar kein Hockey…
Lilli legt los - 2. Sep, 09:28
Hoch über dem Atlantik ist Lilli diesen Sommer 40 geworden, und wenn der Schwabe auch mit 40 gescheit wird, so wurde Lilli doch nur ein bisschen betrunken, da es bei Air France schließlich Champagner gibt und dieser in Kombination mit Lillis Tablette gegen Reisekrankheit eine amüsante Wirkung auf sie hatte. Stunden später stand Lilli nicht etwa wie vorgesehen am Strand von Valencia, sondern in der Klamottenabteilung von C&A, wo sie immer noch etwas benebelt und unter Aufbietung sämtlicher noch vorhandenen intellektuellen Ressourcen (ach diese europäischen Kindergrößen: 128 oder doch lieber 156? In Kanada entsprechen Kindergrößen ganz einfach dem Alter, in dem sie ungefähr passen!) nach kurzen Hosen und T-Shirts suchte, die die Familie so lange über Wasser halten würden, bis das Gepäck wieder auftauchte… Dann aber lief alles wie geschmiert, und es wurde ein schöner Urlaub mit gleißender Hitze in Spanien und anschließendem Nieselwetter in Deutschland. Lilli machte neue kulinarische Entdeckungen (Langusten? das da?), schlemmte anschließend nostalgisch in Gulasch und Grießpudding und verbrachte erstaunlich viele Stunden damit, irgendwie nichts zu tun und ihren Eltern dabei zuzuhören, wie diese von Gymnastikkursen, Krankheiten und städtischen Bauvorhaben erzählten. Am meisten aber freut sich Lilli darüber, es in den letzten 10 Wochen fast immer geschafft zu haben, im Hier und Jetzt zu leben, ohne nach vorn oder hinten zu linsen – eine große Kunst, die sie nicht immer beherrscht, von der sie aber (schließlich IST sie ja jetzt 40) weiß, dass sie die einzige Art und Weise ist, Glück zu empfinden.
Lilli legt los - 1. Sep, 15:02
Lilli hat aufregende Wochen hinter sich. Zuerst war sie wieder Aushilfssekretärin und hat allerlei gelernt: z.B., dass sie richtig viel Stress inzwischen so auf den Magen schlägt, dass sie sich fast übergeben muss. Dann hat sie gemerkt, dass ihre kanadischen Aufenthaltspapiere nicht ganz so in Ordnung sind, wie sie vor dem Deutschlandflug eigentlich sein sollten, und dass es zum Glück ein Express-Antragsverfahren gibt, das solche Sachen doch schon innerhalb von drei Wochen regeln kann. Leichte Übelkeit auch hier. Schließlich hat sie noch eine Einladung zu einer schriftlichen Prüfung für eine gar nicht so uninteressante Halbtagsstelle bekommen und wurde drei Tage später (heute) auch prompt zum Vorstellungsgespräch gebeten – Antwort erst Mitte Juli. Jetzt will sie nur noch weg für eine Weile. Am Strand die Zehen in den Sand graben. Die Sonne an den Beinen spüren. Mit den Strolchen Eis schlecken. Mit Monsieur abends spazieren gehen. Morgens joggen, mittags schlafen. Und dann ganz viele liebe Leute in Deutschland besuchen, dort Brezeln und Rührkuchen mit Sahne essen und nicht erklären müssen, dass der Nachmittagskaffee eine typisch deutsche Einrichtung ist.
Deshalb wird es hier lange nichts zu lesen geben. Oder nur sporadisch. Sendepause bis September…
Lilli legt los - 17. Jun, 13:31