Selbständig arbeiten

Montag, 21. September 2009

1x1 für Freelancer - die grosse weite Welt da draussen

Je länger man im Komfort der eigenen vier Wände arbeitet und dieses genießt, um so schwieriger scheint es, den Schritt nach draußen in die Welt zu wagen, wo man mit unvorhersehbaren Menschen und Problemen IN ECHTZEIT konfrontiert wird, anstatt sie durch E-Mail erst einmal filtern zu können. Auf dem Weg zur neuen Arbeit jedenfalls kommt es Lilli auf einmal so vor, als sei ihre Wohnung so ziemlich der gemütlichste Ort, den sie sich vorstellen kann, und wünscht sich – zu einer embryonalen Rolle eingerollt – zurück unter ihren Schreibtisch. Trotzdem geht sie mit ihrem schick angezogenen Körper in richtigen Schuhen brav zum Bahnhof und reiht sich in die dort Wartenden ein, die allesamt zwar auch nicht breitschultriger aussehen als sie, anscheinend aber dem kommenden Tag gelassen genug entgegensehen, um nicht mit hektischen roten Flecken im Gesicht wilde Tänze aufzuführen oder mit den Fäusten auf den Boden zu trommeln und „Nein, ich will nicht“ zu schreien. Lilli hofft, irgendwann einmal auch so weit zu sein. Im Moment aber drückt sie sich die Fingernägel in die Handflächen, bis dort je vier kleine Halbmonde zu sehen sind.

Montag, 7. September 2009

Grün ist die Hoffnung

Lilli schlottert innerlich vor Angst. Morgen hat sie ihren ersten Arbeitstag bei der Stelle, für die sie sich kurz vor ihrer Abreise im Juni vorstellen musste. Sie ist heilfroh, den Job bekommen zu haben, der nicht nur interessante Aufgaben verspricht, sondern auch auf – man höre und staune – zwei Tage pro Woche angelegt ist. Lilli kommt sich vor wie der einzige Mensch auf der Welt, der in der Lage sein wird, ein echtes Gleichgewicht zwischen Beruf und Familie zustande zu bringen – die sogenannte „work life balance“, über die sie schon viel übersetzt, die sie aber noch selten im richtigen Leben angetroffen hat. Alle ihre Freundinnen beglückwünschen sie dafür, manche sind auch richtig neidisch auf sie. Jetzt hat sie nur ein Problem: kann man sich am ersten Arbeitstag mit grünlackierten Fußnägeln sehen lassen oder sollte sie lieber doch auf etwas Dezenteres umsteigen? Perlweiß vielleicht? Wenn man so lange vom Arbeitsmarkt weg war, findet man sich in solchen Fragen doch etwas eingerostet…

Freitag, 5. Juni 2009

Der Über-Tarif

Auf einem Portal, das Übersetzer und Auftragsgeber zusammenführen will, schreibt einer einen Auftrag über 300 Wörter aus, für den er genau 2 Dollar bietet.

Das ist nicht das Erstaunliche. Das Erstaunliche ist, dass er noch am gleichen Tag 42 Bewerbungen erhalten hat....

Aber Lilli hat beschlossen, sich an diesem schönen Freitagabend nicht davon die Laune verderben zu lassen. Dass man mit Übersetzen nicht reich wird, hat sie schon beinahe so geahnt.

Mittwoch, 27. Mai 2009

1x1 für Freelancer - Flautenmanagement

Die Auftragsflaute dauert immer genau so lang, bis der nächste Auftrag ins Haus geflattert kommt. Zeitgleich damit kommt auch die Erinnerung zurück, dass man eigentlich seinen Job ganz gut macht und eventuelle Durststrecken nicht unbedingt mit dem eigenen Talent zu tun haben.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Sekretärinnenschicksal

Lilli durfte vier Wochen lang Sekretärin sein und hat dabei allerhand gelernt. Zum Beispiel, dass ein effizientes Büro so organisiert ist, dass jeder sich auf seine Arbeit konzentriert und nichts erledigt, was ein weniger qualifizierter Mitarbeiter übernehmen könnte. Der Informatiker informatikt, der Manager managt und die Sekretärin tippt. Hat sie Dokumente, die kopiert, gefaxt oder gescannt werden müssen oder gar Post zu verschicken, legt sie diese in verschiedenfarbigen Umschlägen für die Hilfskräfte bereit, die ununterbrochen durch die Gänge tigern und einsammeln, was für die Sekretärin erledigt werden muss – damit diese nur ja nicht mit Tippen aufhört oder in die Versuchung kommt, beim Gang zum Kopierer mit einer anderen Sekretärin zu tratschen. So verbringt die Sekretärin ihren Tag sitzend vor dem Bildschirm, was nicht nur Rückenprobleme, sondern auch einen gewissen Frust bereitet, denn: schick angezogen muss sie sein, um das Image des Büros zu unterstützen, aber sehen tut es niemand. Das bedeutet, dass sie keine Jeans tragen darf und im Winter entweder auf Wollhosen (die in die Reinigung müssen) oder schöne Strumpfhosen (die ständig kaputtgehen) zurückgreifen muss, die ein irgendwie unnötiges Loch in ihre Gehaltsabrechnung reißen. Nur manchmal, an ganz besonderen Freitagen, darf sie in Jeans kommen – gegen eine großzügige Spende für einen guten Zweck natürlich. Herrje, was hat das Von-zu-Hause-Arbeiten doch für Vorteile...

Donnerstag, 5. Februar 2009

Das Kaffee-Uschi-Dilemma

(Vorab vielen Dank an Frau Nessy, bei der der Begriff „Kaffee-Uschi“ abgeguckt wurde…)

Eine studierte Frau kann, so sie Kinder hat, mit denen sie gerne regelmäßig Zeit verbringt, versucht sein, einen Job anzunehmen, der unter ihrer Würde Qualifikation liegt. So ein Job sieht im Idealfall so aus:

- man kann pünktlich gehen, ohne dem Chef einen Nervenzusammenbruch zu bescheren oder von Kollegen schief angesehen zu werden;
- man muss keine Überstunden machen und wird trotzdem nicht als ehrgeizlos angesehen;
- man kann kurzerhand von Kollegen vertreten werden, falls Unvorhergesehenes passiert (was mit Kindern durchaus der Fall sein kann, in der Regel mindestens einmal im Monat);
- man kann sich in seiner freien Zeit auf Sachen konzentrieren, die nichts mit der Arbeit zu tun haben, da diese nach Arbeitsschluss keinerlei weiteres Kopfzerbrechen erfordert.

In Anlehnung an den von Kevin Spacey gespielten Ehemann im Film „American Beauty“ kann man also einen Job mit „so wenig Verantwortung wie möglich“ suchen, um so den Balanceakt zwischen Arbeit und Familie hinzukriegen. Als Kaffee-Uschi nämlich, oder als Möbelverkäuferin oder Auffüllerin von Supermarktregalen etwa. Lilli spürt zur Zeit am eigenen Leib in ihrer vorübergehenden Eigenschaft als stellvertretende Aushilfssekretärin, wie das so ist, wenn man pünktlich die Tür zuknallen und zu den Strolchen nach Hause eilen kann, ohne von Projekten oder Kunden elektronisch oder mental bis nach Hause verfolgt zu werden. Das ist wirklich ganz nett und fast – ABER NUR FAST – das Erfolgsrezept für die so schwierige Doppelexistenz als berufstätige Mutter. DENN DER HAKEN IST DER: genau die Gründe, die den Job so anziehend und pflegeleicht machen, machen ihn auch ZIEMLICH LANGWEILIG. So langweilig, dass es auf die Dauer nicht auszuhalten wäre, seine kostbare Zeit damit zu verbringen, und die Mutter dann in Gegenwart ihrer Strolche doch wieder anfängt, an die Arbeit zu denken – besser gesagt daran, die Arbeit zu wechseln und eine Stelle zu finden, die sie intellektuell ausfüllen würde, von der sie dann wiederum automatisch nicht so ohne weiteres pünktlich weg könnte… Ja, ja, da kann Lilli nur froh sein, wenn sie nach Beendigung ihrer Aushilfe wieder ihren prekären Status der freischaffenden Übersetzerin erlangt... da hat sie so ziemlich alles, was sie sich wünscht. Nur keine finanzielle Sicherheit natürlich. Aber das ist vielleicht in der heutigen Zeit sowieso überholt.

Montag, 17. November 2008

Scharf

Lilli übersetzt einen Text, in dem es um Schnittverletzungen im Betrieb geht und um allerlei Schneidewerkzeuge, die diese verursachen – Messer, Skalpelle, Cutter und Scheren. Sie muss einiges an Nachforschungen anstellen, um die genauen Bezeichnungen zu finden, denn da gibt es nicht nur Messer mit manuell einziehbarer Klinge und solche, bei denen die Klinge automatisch zurückschnappt, sobald sich kein Druck mehr auf ihr befindet, sondern sogar intelligente Messer, die die Klinge automatisch zurückziehen, wenn man z. B. vom Karton abrutscht und sich der Oberschenkel gleich daneben befindet. Lilli lernt, dass es nicht nur stichfeste Handschuhe zum Durchsuchen von Drogendealerwohnungen gibt, sondern auch Stechschutzschürzen (für Fleischer), damit nicht aus Versehen ein Schnitt in Bauch oder Herz landet. Und dass sie dieses ganze Thema aus ihr unerklärlichen, weil wahrscheinlich tief vergrabenen und dunkel verdrängten Gründen fasziniert… Da sage noch jemand, Übersetzen sei langweilig!

Freitag, 24. Oktober 2008

Hurra, ein Todesfall

Lilli hört endlich mal wieder von ihrem Lieblingskunden, der ihr einen Text zum Übersetzen schickt. Hurra, es war schon lange her, dass Lilli für diese Firma übersetzen durfte. Sie krempelt die Ärmel hoch, holt sich eine Tasse Tee und öffnet genüsslich die angehängte Datei – die sich als eine Mitteilung über einen Todesfall entpuppt. Seltsam, nicht wahr, wie ein tödlicher Unfall Lilli gute Laune verschafft… Noch jetzt hat sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie daran denkt.

Dienstag, 14. Oktober 2008

1x1 für Freelancer - Kleiner Tipp am Rande

Wer den Kaffee mit dem Kugelschreiber umrührt und diesen auch noch ableckt, hat vielleicht zu lange von zu Hause aus gearbeitet. Ein kleiner Abstecher in ein Büro mit richtigen Menschen tut dann Not. Bei dieser Gelegenheit testen Sie bitte gleich, ob Sie noch in der Lage sind, in unter 20 Minuten ein komplettes Outfit zusammenzustellen, das nicht nur an die gerade herrschende Jahreszeit angepasst ist, sondern auch aus dem Jahrzehnt stammt, in dem der Rest der Welt sich gerade befindet…

Freitag, 26. September 2008

1x1 für Freelancer - Der Umweg über eine Agentur

Lilli hat eine Übersetzungsagentur ausfindig gemacht, die deutsche Muttersprachler in Kanada sucht – was ja höchst selten vorkommt. Frohgemut bietet sie ihre Dienste an und ist sich wohl gewahr, dass Agenturen, die als Mittelmänner fungieren, niedrigere Tarife zahlen werden als ein Direktkunde. Dass sie aber nur wenig mehr als ein Drittel ihres normalen Honorars angeboten bekommt, ist dann doch ein Schock.

Da fühlt man einerseits die Freude über potentielle neue Aufträge, die ohne weiteres Bemühen ins Haus flattern, auch den Stolz, von einer Agentur ausgewählt zu werden, was als Bestätigung der Qualität der eigenen Arbeit angesehen wird – und andererseits Frust und Erniedrigung darüber, nur so wenig geboten zu bekommen. Grenzt das nicht schon an Ausbeutung? Soll man das nun akzeptieren, weil man immer mal wieder ein paar Stunden zur Verfügung hat, in denen schlecht bezahlte Arbeit besser als gar keine Arbeit ist, oder ablehnen, weil man dadurch dazu beiträgt, solche Hungerhonorare am Leben zu erhalten? Schwierige Frage. Im Moment hoffe ich, sie durch den abgelegten Test so beeindruckt zu haben, dass noch ein bisschen verhandelt werden kann… sonst wäre es nämlich einträglicher, sich morgens mit selbstgebackenen Muffins an die Ampel zu stellen! Von der Zufriedenheit, etwas mit den eigenen Händen geschaffen zu haben, mal ganz abgesehen...

Über Lilli

In Süddeutschland geboren und aufgewachsen, nach dem Studium nach Kanada ausgewandert, lebt und liebt Lilli seit zehn Jahren in einem Vorort von Montréal. Sie verdient ihr Brot mit Übersetzungen, die Butter dazu mit Texten aus ihrer Feder und die volle Anerkennung ihres Mannes dafür, zwei Strolche fast immer liebevoll auf ihrem Werdegang zu begleiten.

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Zuletzt aktualisiert: 6. Nov, 01:31

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