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Mitmenschen

Montag, 23. November 2009

Lilli und die Relativitätstheorie

Als Lilli heute morgen die Treppe zum Büro hochstieg, beschlich sie plötzlich ein seltsames Gefühl: es kroch aus dem Nichts den Rücken hoch, umkreiste ihren Nacken und stieg von dort gleichzeitig runter in den Magen und bis hoch unter die Haarspitzen. Dieses Gefühl lautete in etwa: „Ich schaff es nicht. Ich kann keinen Schritt weiter gehen und diesen Tag nicht anpacken. Nach dem nächsten Schritt bin ich gelähmt und bleibe hier auf der Treppe stehen wie eine Salzsäule, die weder vor noch zurück kann.“ Seltsamerweise liefen ihre Beine trotzdem weiter und trugen sie bis zum Aufzug, der sie in den 46. Stock hochzog und dort vor die Empfangsdame spuckte. Diese lächelte Lilli so freundlich an, als sei dies ein ganz und gar gewöhnlicher Tag und nicht etwa der Tag, an dem Lilli aufhörte zu funktionieren. Danach fing Lillis Arbeitstag an, sich von selbst zu entfalten, ohne sich darum zu kümmern, ob Lilli wollte oder nicht. Und siehe da, Lilli funktionierte einigermaßen und überlebte tatsächlich bis zum Abend. Auf dem Nachhauseweg traf sie mit einer entfernten Nachbarin zusammen, die als Kinderärztin vor kurzem von der Notaufnahme auf die Palliativpflegestation übergewechselt hat. Denn ja, das gibt es auch in Kinderkrankenhäusern. Die Nachbarin gestand Lilli, dass sie daran zweifelt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Dass sie letzte Woche dachte, sie würde es nicht schaffen, und am liebsten einfach nicht mehr hingegangen wäre. Dass sie weiß, dass niemand von ihr erwartet, gleich von Anfang an perfekt zu sein, und trotzdem. Lilli hörte genau zu, obwohl sie den Text schon kannte. „Wichtig ist relativ“, dachte sie bei sich und merkte, wie das seltsame Gefühl von heute morgen wieder ein bisschen weniger kräftig auf ihre Halsschlagader drückte.

Freitag, 20. November 2009

Das Fernsehwunder

Freitag abends gucken Lilli und die Strolche ein seichtes Quiz, bei dem es nicht so sehr darauf ankommt, richtig zu antworten, sondern geschickt zu bluffen. Die Strolche sind froh, endlich mal abends fernsehen zu dürfen, und versuchen, die Fragen (Wer hat „Le rouge et le noir“ geschrieben? Was ist ein Ristretto? Wer wählt den Papst?) zu beantworten, während Lilli froh ist, faul auf dem Sofa liegen zu dürfen, ab und zu triumphierend eine Antwort in die Runde wirft und ansonsten Pläne fürs Wochenende macht. Das Lustige an der Sendung ist, dass die ganze Staffel wohl innerhalb einer Woche aufgenommen wurde und die Moderatorin zu dieser Zeit bis zu den Ohren schwanger war. Nun stöckelt sie also seit September Veronique-cloutier jeden Freitag abend wie ein elegantes Walroß auf ihren hohen Schuhen von einem Kandidaten zum anderen und stellt dabei den schönsten Bauch (und das dazugehörige Decolleté) zur Schau, jedes Mal in einem anderen tollen kurzen Kleid. Jede Woche sind die Strolche gespannt, ob sie denn nun wohl ihr Kind geboren hat (hat sie schon vor einiger Zeit), und wundern sich jedes Mal aufs Neue, dass man so lange so schwanger sein kann. Lilli grinst nur vor sich hin und fragt sich, ob es das wohl in Deutschland auch geben würde, so eine öffentliche Fernsehschwangerschaft ganz ohne Vertuschungsversuche.

Mittwoch, 18. November 2009

Lilli und die Ironie

Letzte Woche hatte Lillis Büro Besuch: der Personalberater, der im Beisein von Lillis Chefin ihr Vorstellungsgespräch im Juni geführt hatte, schaute auf einen Sprung vorbei. Mit seinem Rucksack und seinem gestreiften Schal sah er aus wie der kleine Prinz mit 19, und genauso unbefangen warf er Lilli über das gesamte Großraumbüro hinweg die Bemerkung zu, dass er doch einmal sehen musste, ob sie tatsächlich noch da war oder ob sie den Job bereits wieder geschmissen hätte. Dass er mit dieser ironisch gemeinten Frage fast ins Schwarze getroffen hätte, da Lilli in den ersten Wochen tatsächlich näher an der Kündigung dran war als Bella an ihrem Edward (Twilight, irgendwer?), konnte er zwar nicht ahnen, hätte er aber trotzdem als Möglichkeit in Erwägung ziehen müssen. Ironie darf in der rhetorischen Palette eines Personalberaters eigentlich nicht existieren, wenn er und seine Ratschläge ernst genommen werden möchten. Natürlich darf er auch nicht aussehen wie 19, aber dafür kann er nun wirklich nichts. Lilli jedenfalls lächelte nur schief und meinte mit einem schrägen Blick auf ihre Chefin, dass es ihr jeden Tag besser gefalle. Dass sie noch lange nicht davon überzeugt ist, die richtige Person für den Job zu sein, behielt sie hübsch für sich. Infragestellungen dieser Art stehen erst zwischen Weihnachten und Neujahr auf dem Kalender.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Lilli springt über ihren Schatten

Lilli klingelt bei der Nachbarin, die fünf Häuser weiter wohnt und gerne mal, wenn Lilli vom Einkaufen zurückkommt, beim Hoffegen innehält, um mit Lilli über Europa, Reisen allgemein und andere schöne Dinge des Lebens zu plaudern. Eine nette ältere Frau, kinderlos, früher Krankenschwester an einer Schule, jetzt in Vollzeit mit der Reinhaltung des Hauses, dem Hoffegen und dem Spazierenführen des Hundes beschäftigt. Die ideale Kandidatin für den Posten der Ersatzoma, den Lilli eigens geschaffen hat, um für eventuelle Grippewellen diesen Winter in Sachen Kinderbetreuung gerüstet zu sein. Wenn schon die deutsche Oma so weit weg wohnt und die kanadische grand-maman zu nichts zu gebrauchen ist, muss man eben sehen, wo man sich sein soziales Netz zusammenklaubt. Lilli klingelt also bei der Nachbarin, wird auch sofort erfreut/erstaunt ins Haus gebeten und bringt herzklopfend ihr Bittgesuch vor. In Filmen ist so ein Schritt ins Ungewisse, so ein „Anklopfen beim Mitmenschen“ stets der Anfang einer interessanten Entwicklung, da uns die Filmemacher glauben machen wollen, dass sich im harmlos aussehenden Anderen je nach Genre entweder die verwandte Seele oder aber der sadistische Serienmörder verbirgt, zumindest aber die ulkige Freundin, die neue Farbe und Bewegung ins eigene banale Leben bringt. Tja, liebe Leser – das Leben ist kein Film! Die nette Nachbarin gibt sich zuerst sehr zurückhaltend, stimmt dann aber zu, sich im-Ausnahmefall-und-wenn-alle-anderen-Stränge-reißen-aber-wirklich-auch-nur-dann ein Paar Stunden um die Strolche kümmern zu wollen. Dann klemmt Lilli ihren neu erstandenen roten Regenschirm unter den Arm und marschiert nach Hause. Mit dem Gefühl, dass diese Initiative, auf die sie so stolz war, da es durchaus nicht in Lillis Natur liegt, einfach so auf andere zuzugehen, folgenlos im Sand verlaufen wird. Musik war übrigens auch keine dabei. Und Klappe.

Montag, 26. Oktober 2009

Lilli ist geschockt

Die Frau, die seit letztem Weihnachten in der geschlossenen Abteilung des psychiatrischen Krankenhauses interniert ist und dort erfolglos gegen Schizophrenie behandelt wird, soll nun Elektroschocks bekommen. Dass es das noch gibt! Oh, keine Panik, beruhigen die Ärzte, denn heutzutage wird das unter Vollnarkose gemacht und hat viel weniger Nebenwirkungen als damals, höchstens ein wenig Kopf- und Zahnschmerzen (klar, weil die Zähne auch unter Vollnarkose aufeinanderschlagen), und die Ergebnisse sind wirklich erstaunlich… Ach ja, auch Gedächtnisverlust kann auftreten, aber darunter leidet die Patientin ohnehin schon, das kann dann schwerlich auf die Elektroschocks zurückgeführt werden, nicht wahr? Nun haben Elektroschocks nach Lillis laienhafter Ansicht genauso positive Auswirkungen auf das menschliche Gehirn wie unter Zwang verabreichte eiskalte Bäder oder, sagen wir mal, eine öffentliche Auspeitschung. Deshalb ist Lilli froh, dass sie nicht zu den Personen gehört, die dieser neuen Therapie zustimmen müssen. Das muss die Patientin selbst übrigens auch nicht, das Recht hat sie schon lange nicht mehr…

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Lilli und die Kuh

Lilli hat ein Regenschirm-Handicap: sie verliert sie ständig, und diejenigen, die sie nicht verliert, werden von den Strolchen zum Hockeyspielen missbraucht und enden mit vielfachen Knochenbrüchen im Müll. Ihr Haushalt verfügt deshalb im Moment nur noch über einen Riesenschirm, der gut für eine Kleinfamilie mit Bollerwagen ausreicht, und ein Kinderschirmchen in Form einer Kuh. Am ersten Regentag dieses Herbstes zog Lilli mit dem Riesenschirm los und konnte froh sein, niemandem am Bahnsteig damit ein Auge ausgestochen zu haben. Noch dazu war das Ding schwer und zusätzlich zur Hand- und Umhängetasche extrem lästig. Am zweiten Regentag beschloss Lilli deshalb, ihr Glück mit der Kuh zu probieren. Und während sie so inmitten der Montrealer City spazierte, ein weißes Schirmchen mit aufgedrucktem Kuhmaul und Kuhaugen sowie obendrauf abstehenden Hörnern und Ohren über sich haltend, fiel ihr etwas Erstaunliches auf: sie fiel überhaupt nicht auf damit. Sie erntete kein Lächeln, keinen belustigten Blick, kein Hohnlachen – einfach gar nichts. Auch das ist Montreal: man kann mit blauen Haaren, Totenköpfen auf dem T-Shirt oder aber Wiederkäuern über dem Kopf durch die Menge gleiten, ohne jemanden damit vor den Kopf zu stoßen. Die Leute sind Sachen gewöhnt und lassen durchgehen, was sie selbst in ihrer Privatsphäre nicht beeinträchtigt. Und ihnen kein Auge aussticht...

Montag, 19. Oktober 2009

Wo die wilden Monster sind

So heißt das Buch bestimmt nicht auf Deutsch, aber so hat Lilli es früher immer den Strolchen übersetzt, das Monsterbuch von Maurice Sendak. Und zwar so oft, dass der Einband zerriss und mehrere mit gestrichelten Zeichnungen gefüllte Seiten herausfielen. Das Buch ging den Gang in die Recyclingtonne, aber die wilden Monster haben ihren Platz im Herzen der Strolche (oder zumindest in ihrem Gedächtnis) behalten. Umso größer war die Freude des kleinen Strolches, als er am Sonntag im Rahmen eines Kindergeburtstages ins Kino durfte, um den niegelnagelneuen Film zum Buch zu sehen. Noch dazu mit dem Sohn der Nachbarin, die Lilli nicht leiden kann. Nun hat ja Lilli nichts gegen Kindergeburtstage bei Nachbarinnen, die sie nicht leiden kann, schließlich ist es ja nicht sie, die hingehen muss, sondern der Strolch. Sie findet aber Kinobesuche mit einer Gruppe Achtjähriger extrem seltsam und würde selbst nie auf die Idee kommen, sich so etwas anzutun. Das Seltsamste aber war der Bericht, den der Strolch vom Drum und Dran des Kinobesuchs erstattete:

Lilli: Und, habt Ihr auch was Süßes bekommen? (Für Lilli ist Kinobesuch ein Synonym für süße Kalorienaufnahme, vorzugsweise in Form von Gummibären)
Strolch: Nein, nur ein Zitronenslush. Das hab ich mir aber selbst gekauft. (Er hatte von Lilli vorsichtshalber 5 Dollar Taschengeld mitbekommen)
Lilli: Und, wie war das?
Strolch: Teuer! Es hat 3 Dollar gekostet.
Lilli: Ja, hat Simons Mutter Euch denn nichts gekauft?
Strolch: Doch, eine große Portion Popcorn für uns alle (Grippe, irgendwer?). Sie hatte aber nicht genügend Geld dabei, da hab ich Ihr meine restlichen 2 Dollar gegeben.

So kann man also auch Kindergeburtstag feiern. Man karrt die Kinder ins Kino, damit das Haus nicht auf den Kopf gestellt wird, und sammelt dann noch Geld ein, um sie zu bewirten. Komischerweise ist Lilli nicht erstaunt.

Freitag, 16. Oktober 2009

Echt Montréal

Die Bahnhofsuhr zeigt 8 Uhr 35, der Zug fährt ein, die Türen gehen zischend auf. Ein Kontrolleur hievt seinen massigen Bauch die Treppen hinunter bis auf den Bahnsteig, auf dem ausser Lilli noch dreissig andere in dunkles Tuch gehüllte Leute darauf warten, einsteigen zu können. "Guten Morgen allerseits", wirft der korpulente Kontrolleur gut gelaunt in die Runde, während sich die Leute an ihm vorbei in den Wagen schieben. "Es ist Freitag morgen, das Wochenende steht vor der Tür, der Schnee auch, aber leider haben unsere Glorreichen gestern abend gegen Colorado ganz miserabel verloren!" Wer das hört, braucht nicht erst auf das Bahnhofsschild zu sehen, um zu wissen, dass er sich in Montréal befindet...

Samstag, 19. September 2009

Der wahre Charme von Montréal

Montréal ist eher hässlich anzusehen, vor allem für europäische Touristen, die hier nach der „historischen Innenstadt“ suchen oder der „Einkaufsmeile“ oder gar nach nennenswerten Kunstwerken, Museen, architektonischen Schönheiten oder einfach nur romantischen Sträßchen, in denen man gut bummeln kann. Nicht, dass es all dies nicht gäbe: es hält sich nur eher versteckt wie eine scheue Katze, die erst mal im Hinterhalt wartet, bevor sie sich von x-beliebigen Fremden mit einem Stadtplan in der Hand streicheln lassen würde. Manche Leute behaupten, dass man Montreal nicht zeigen kann, man kann es nur erleben, und haben damit nicht unrecht. Vielleicht muss man einfach ganz ohne touristische Erwartungen an einem Sonntag Nachmittag im Park am Fuße des Mont Royals sitzen und den Tamtams zuhören, die dort fiebrig-rhythmisch spielen, während der kleine Strolch sich bei den fliegenden Händlern ein Lederarmband mit einem eingeritzten Drachen drauf kauft. Oder vor Weihnachten im alten Hafenbecken Schlittschuh laufen, während ein Feuerwerk in die Luft steigt und Leute an einer beheizten Bar Cocktails trinken. Oder man muss einfach wie Lilli und Monsieur diesen Sommer Hand in Hand durch die Innenstadt spazieren, nachdem sie das neue Westin-Hotel ausspioniert hatten (mit Monitoren in der Eingangshalle, die die Ankunfts- und Abflugzeiten des Flughafens zeigen, sehr international), unter einem Baugerüst durchlaufen und dabei lachen, weil eine Bewegung von oben sie fürchten lässt, dass jetzt gleich etwas auf sie herunterfällt und – nachdem sie gleichzeitig und immer noch Hand in Hand auf die Seite gesprungen sind – von einem Passanten ein „Vous faites un beau couple“ („Sie sind ein schönes Paar“) zugeworfen bekommen. Ping, einfach so, wird ein kleines Kompliment gestreut wie ein Blütenblatt bei einer Hochzeit, ein Konfetti beim Kindergeburtstag. Das, liebe Leute, macht den wahren Charme von Montréal aus, nicht das neue Messezentrum, die neue Bibliothek oder der Brunnen von Riopelle, der zu jeder vollen Stunde Feuer spuckt. Es ist diese Großzügigkeit der Leute, die für den Bruchteil einer Sekunde unseren Weg kreuzen, die Augen wohlwollend statt mürrisch auf uns ruhen lassen, uns zuzwinkern und dann wieder in der Anonymität der Großstadt verschwinden. Das, und vielleicht die frischen Bagel der Rue Saint-Viateur, in die Lilli jetzt nur noch kommt, wenn sie zum Zahnarzt muss.

Donnerstag, 17. September 2009

Sieh an, sieh an

Lillis Ferienlektüre katapultierte sie nach Stockholm, wo sie zwischen unzähligen Tassen Kaffee und belegten Broten (essen die auch mal warm dort?) über einen Ausdruck stolperte, der ihr zwar durchaus bekannt war, von dem sie aber nicht geglaubt hätte, dass er offiziell existiert. So packt eine der Hauptpersonen einen kleinen Koffer für eine Übernachtung, der doch tatsächlich in der französischen Übersetzung „baise-en-ville“ genannt wurde. „BUKO“, hatte Lillis Schwester, die Religionslehrerin, immer dazu gesagt, als sie in Tübingen im Studentenwohnheim wohnte und mit solchen Sachen konfrontiert wurde, während Lilli noch in der Provinz zur Schule ging und sie aus der Ferne für ihre Weltläufigkeit bewunderte. Lilli muss grinsen. Sprache ist doch eine tolle Spielwiese…

Über Lilli

In Süddeutschland geboren und aufgewachsen, nach dem Studium nach Kanada ausgewandert, lebt und liebt Lilli seit zehn Jahren in einem Vorort von Montréal. Sie verdient ihr Brot mit Übersetzungen, die Butter dazu mit Texten aus ihrer Feder und die volle Anerkennung ihres Mannes dafür, zwei Strolche fast immer liebevoll auf ihrem Werdegang zu begleiten.

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Zuletzt aktualisiert: 24. Nov, 19:53

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