Reise in den Abgrund

Freitag, 1. Mai 2009

Das Band der Ehe

Monsieur sitzt gerade im Flieger nach New York. Obwohl es kein langer Flug ist von Montréal aus und er auch nicht lange weg bleiben wird, spürt Lilli ein Ziehen in der Magengegend. Als ob dort ein Gummiband angebracht sei, das sich nun, mit wachsender Entfernung zwischen ihnen, dehnt und dehnt. Es wird nicht reißen, oh nein, es wird nur zwicken und ruckartig hin- und herschnalzen und Lilli daran erinnern, dass ausnahmsweise viele Kilometer und eine Staatengrenze zwischen ihnen liegen, die es unmöglich machen, im Notfall schnell zueinander zu eilen und die Hand des anderen zu fassen. Es ist kein Lasso, das Band, und auch keine Leine, an der sie Monsieur festhält. Eher ein unsichtbares Gewächs, an dem sie sich entlanghangeln können, um immer wieder zueinander zu finden. „Ein Ariadnefaden halt“, würde der kleine Strolch lässig sagen, der sich so gut in der griechischen Mythologie auskennt.

Jedenfalls tut es gut, dieses Ziehen zu spüren. Solange das Ziehen da ist, ist alles gut.

Mittwoch, 1. April 2009

Rote Fahne, oder was?

Monsieur ist eine aufbrausende Natur. Was so seine guten und schlechten Seiten hat. Bisher allerdings hat er seine Wutausbrüche auf Geschäftliches (und gelegentliche Telefonate mit seiner Mutter) beschränkt und später mehr oder weniger geknickt darüber berichtet. Am Wochenende aber ging der Wolf (oder was immer es für ein Tier sein mag, das innerlich in ihm wütet) mit ihm zu Hause durch, in Anwesenheit der Kinder. Eigentlich war er wütend auf das Fahrrad, das nicht so wollte, wie er wollte, oder auf sich selbst, weil er nicht mehr wusste, wo das richtige Werkzeug seit letzten Sommer geblieben ist, oder auf die Zeit, die bei den Reparaturarbeiten munter dahinflog, anstatt gnädig einzuhalten und den Montag noch etwas hinauszuzögern. Da er sich aber schlecht selbst zur Schnecke machen konnte, fauchte er Lilli an, die sich seither überlegt, ob sie das nun einfach verstehen und verzeihen soll oder später mal als „red flag“ deuten wird, die im Nachhinein doch eigentlich unmissverständlich signalisierte, dass hier etwas aus den Angeln geraten ist…

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Heissa Hopsa, Karlsson

Unvermuteter Trost wird Lilli zur Zeit durch die Lektüre von "Karlsson vom Dach" mit den Strolchen zuteil: wie dieser kleine, gerade richtig dicker Mann in den besten Jahren angesichts des grössten Unglücks mit einer wegwerfenden Handbewegung "Ruhig, nur ruhig" und "Das stört keinen grossen Geist" sagt, hat etwas Magisches, etwas unglaublich Erleichterndes, Beruhigendes, an das Lilli nur zu gerne glauben möchte. Genau wie der kleine schwedische Junge, der sehnsüchtig am Fenster auf das Brummen von Karlssons Motor wartet, hofft auch Lilli insgeheim (nein, sie hofft es nicht, denn sie ist ja erwachsen, aber sie sieht, wie verführerisch dieser Gedanke doch ist) dass jemand kommt, der ihr bestätigt, dass "alles wieder gut" wird. Kinderglaube, Kindersehnsucht... nie wurde "das Kind im Menschen" besser verstanden als von Astrid Lindgren.

Und es kann ja wohl kein Zufall sein, dass dieser kleine schwedische Junge LILLEBROR heisst...

Mittwoch, 12. November 2008

Lebenslisten

Guter Ratschlag von http://cubicwaterdrop.twoday.net/ - eine Liste anlegen mit Dingen, die Lilli an Monsieur schätzt. Um sich in schwierigen Momenten in Erinnerung zu rufen, warum man damals eigentlich meinte, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Aber solche Listen sind nun mal zweidimensional und haben mit dem richtigen Leben so viel zu tun wie ein Einkaufszettel mit dem, was tatsächlich auf dem Band an der Kasse liegt. Die eigentliche Beziehung geht viel viel tiefer und basiert auf Unaussprechlichem, Unmessbarem, Unfassbarem. Und so muss das auch sein, wenn sie ein Leben lang halten soll. Da geht es um Chemie, um Magnetismus und um andere geheime Kräfte. Das Herz ist ein richtiger Hexenkessel, das ist es.

Dienstag, 11. November 2008

Sackgasse

Heute läuft nix. Aber auch gar nix. Heute würde Lilli am liebsten Monsieurs Koffer packen und vor die Tür stellen, damit er heute abend gar nicht mehr reinzukommen braucht. Aber im Moment zittern ihr die Hände zu sehr dafür.

Montag, 10. November 2008

Krebs und grauer Star

Lilli trifft sich mit einer Freundin zum Mittagessen, die aus ihrem reichen persönlichen Erfahrungsschatz schöpft, um Lilli ein paar Tipps zu geben, wie sie mit Monsieur am besten umgehen sollte (ihn hegen und pflegen oder lieber gleich doch erwürgen?). Etwas hilflos bringt Lilli Beispiele von Situationen an, bei denen leichter Groll in ihr aufsteigt: z.B. Samstag vormittags, wenn sich Monsieur nach dem Frühstück wieder hinlegt und sie nicht weiß, wie sie es gleichzeitig zum Karatekurs des kleinen Strolches und in den Supermarkt schaffen soll. „Wenn er Krebs hätte, würdest Du ihm dann vorwerfen, dass er im Bett liegt?“ Hm. Und wenn er die Strolche abwimmelt, die zu ihm ans Bett kommen, um ihm das letzte Diktat oder das neueste Bild (zwei Punkstrolche, die in einer Band spielen – der große Punk haut eine elektrische Gitarre auf den Boden, der kleine Strolch verschwindet fast hinter einem fünfteiligen Schlagzeug) zu zeigen? „Stell Dir einfach vor, er hätte grauen Star. Das kann man zwar operieren, aber bis dahin kann er einfach nichts sehen. Er kann es einfach nicht.“ Lillis Freundin muss wissen, wovon sie redet, sie war schliesslich selbst einmal in Depri-Land. Also Krebs und grauer Star… dann ist Monsieur ja wirklich krank. „Aber zum Glück eine Art von Krebs, die gut wieder abheilt.“ Komischerweise ertappt sich Lilli dabei, wie sie sich wünscht, dass eine Depression zumindest einen Hautausschlag auslösen würde – rote Pünktchen, grüne Blattern oder wenigstens kleine lila Blümchen am Bauch. Wenn sie es SEHEN könnte, könnte sie wahrscheinlich leichter damit umgehen.

Mittwoch, 5. November 2008

Lilli hat recht

Wer mit einem depressiven Menschen zusammenlebt, riskiert natürlich, sich anzustecken und die gleiche negative Haltung (nichts ist mehr wichtig, alles ist ausweglos) an den Tag zu legen. Oder die eigenen Probleme oder Fragen und sogar die kleinen Genüsse des Alltags im Vergleich zu dem dunklen Loch, in dem der Andere vor sich hin leidet, in einem – ja, wie soll man sagen – schäbigeren Licht sieht. So freut sich Lilli zwar an der Freude des kleinen Strolches, als der sein von ihr zusammengestoppeltes Halloweenkostüm anprobiert, ist sich aber gleichzeitig (mehr als sonst) darüber im Klaren, wie vergänglich dieser kleine Freudefunken doch ist. Sie genießt ihre Lieblingsfernsehsendung und sagt sich doch, dass sie nur fernsieht, weil es eine Ausflucht aus ihrem eigenen Leben ist, eine kleine Ruheinsel im Meer ihres traurigen momentanen Daseins. „Achtung, Achtung“, gehen zum Glück da die Warnlampen an, denn noch weiß Lilli ganz genau, dass diese Verschiebung der Perspektive auf Monsieurs Depression zurückzuführen und hochgradig ungesund ist. Noch weiß sie, dass sie recht hat, sich zu freuen, und es eben eine Frage der Zeit ist, bis Monsieur wieder genauso weit sein wird. Bis dahin ist sie irgendwie auf sich gestellt und findet Trost in ganz absurden Dingen wie der feuchten Wärme der Spülmaschine, die ihr beim Ausräumen entgegenschlägt, und der vollkommenen runden Form ihrer Teetasse, die sie beim Fernsehen in den Händen hin und her dreht.

Dienstag, 4. November 2008

Symptomatisch, aha

Laut Therapeutin hat Monsieur noch keine Depression, ist aber auf dem besten Wege dahin. „Wenn Sie eine Depression hätten, würden Sie den ganzen Tag schlafen, Sie könnten sich nicht auf Ihre Arbeit konzentrieren, nicht mehr essen“, ja, also soweit muss es erst einmal kommen, dass Monsieur nichts mehr essen kann! Außerdem ist Monsieur allen möglichen Lösungen gegenüber aufgeschlossen – was auch schon wieder zeigt, dass wenigstens noch seine obere Gehirnrinde aus dem tiefen Loch hervorlugt, in das er vor - wieviele sind's nun, vier? - Wochen runtergeklettert ist. Gestern hat Lilli deshalb mehrere Meter Drogerieregal nach dem besten Omega 3-Produkt abgesucht und schließlich eines erstanden, das Monsieur brav schlucken will, auch wenn ihm danach eine halbe Stunde lang Fisch aufstößt. Und heute morgen waren Lilli und Monsieur auf Monsieurs Vorschlag hin joggen! Tara! Man sollte meinen, dass sich ihre Beziehung wieder erwärmt, wenn auch draußen das Thermometer bereits auf Null Grad abfällt.

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Schlechte Verbindung

Lillis Mutter ruft an und will wissen, wie es geht. Zuerst aber will sie erzählen, wie sehr sie sich über Lillis Tante aufregt, die doch nur ständig klagt und jammert und dabei wahrscheinlich bei besserer Gesundheit ist als Lillis Mutter und Vater zusammen. Dieses unbegründete Jammern geht Lillis Mutter, einer energischen (ein Personalmanager würde sagen "lösungsorientierten“) Frau, auf den Keks, und da Lilli eine gute Zuhörerin ist, kann man bei ihr Dampf ablassen, ohne zu befürchten, Lilli dadurch in eine peinliche Lage zu bringen. Schließlich riskiert Lilli nicht, demnächst der Tante über den Weg zu laufen und dann Mitleid heucheln zu müssen für ein Gebrechen, das faktisch nicht existiert… Dann aber besinnt sich Lillis Mutter darauf, dass sie eigentlich wissen wollte, wie es Lilli geht, und sagt: „Erzähl mir lieber was von dir, damit ich mit dem Gerede über deine Tante aufhöre und auf andere Gedanken komme.“ Ja, und was erzählt Lilli dann? Von den Kindern, vom Übersetzen, von Halloween und dem Schwimmbad. Von Monsieur erzählt sie… nichts.

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Leben auf der Rennbahn

Wie bei jeder unangenehmen Überraschung fragt man sich auch bei einer Depression, ob es nicht schon früher irgendwelche Anzeichen gegeben hat, die uns hätten warnen können: die sogenannten „red flags“ (als ob das Leben ein Formel 1-Rennen wäre, bei dem seitlich irgendwelche Leutchen stehen und Fahnen schwenken). Lilli kann sich nur an eine einzige Begebenheit erinnern, bei der irgendwelche Fahnen geschwenkt wurden, und zwar vor etwa einem Jahr, als Monsieur und Lilli an einem Karting-Rennen teilgenommen haben. Lilli kam sich dabei so vor, als nähme sie auf einem Rasenmäher Platz und fuhr so langsam, dass sie ständig mit einer blauen Fahne bedacht wurde, die soviel bedeutete wie: „Mädel, entweder drehst du auf oder du fährst immer schön an der Seite, um die wilden Männer hinter dir vorbeizulassen.“ Keine angenehme Erinnerung, die aber zum Glück nichts mit den Warnsignalen zu tun hat, von denen weiter oben die Rede war. Dieses Suchen nach frühen Anzeichen ist deshalb so gefährlich, weil es absolut nichts Konstruktives zur Heilung der Depression beiträgt, sondern lediglich im Nachhinein noch die schönen Erinnerungen zertrümmert, die einem eigentlich dabei helfen sollten, positiv zu bleiben und sich liebevoll um den Depressiven zu kümmern… Trotzdem kommt Lilli in unachtsamen Momenten nicht umhin, den Finger in die Wunde zu stecken und sich zu fragen, ob Monsieur nicht schon seit längerer Zeit depressiv ist und das, was sie noch im Sommer zusammen erlebt haben, nur Schau war, aufgesetzte Maske, nur geschicktes Übertünchen des Abgrunds. Und je länger Lilli in der Wunde rumbohrt und mit dem Nagel kratzt, umso sicherer ist sie sich, dass Monsieur das schon seit einer Ewigkeit mit sich rumschleppt. Was sie wiederum so richtig unglücklich macht.

Über Lilli

In Süddeutschland geboren und aufgewachsen, nach dem Studium nach Kanada ausgewandert, lebt und liebt Lilli seit zehn Jahren in einem Vorort von Montréal. Sie verdient ihr Brot mit Übersetzungen, die Butter dazu mit Texten aus ihrer Feder und die volle Anerkennung ihres Mannes dafür, zwei Strolche fast immer liebevoll auf ihrem Werdegang zu begleiten.

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