Reise in den Abgrund

Montag, 23. November 2015

Die Stimme im Kopf

Monsieur ist aus dem Malkurs ausgestiegen. Er sei nicht gut genug, meinte er. Lilli ist auch nicht gut, und lange nicht "gut genug", aber ihr macht es Spass, sich jedesmal der Herausforderung des leeren Blattes zu stellen und dieses pinsel- oder-kreideschwingend (so gut es geht) zu bedecken. Die Farben erfüllen sie, das Malen leert den Kopf und nach drei Stunden taucht man aus dem Kurs auf wie frisch geduscht.

Monsieur nicht. Dabei ist er begabter als Lilli, was das Zeichnen angeht - nicht aber, was das Glücklichsein angeht. Da ist sie ihm Längen voraus.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Lillis kaltes Herz

Lillis Vater wird dement. Er findet nachts, wenn er aufs WC muss, anscheinend nicht mehr in sein Bett zurück, verwechselt den Schlafanzug mit dem Heizkissen und guckt, bevor er mit dem Essen anfängt, welches Besteck die anderen benützen, um es ihnen dann gleichzutun.

Lilli hört diese Berichte von der Mutter und der Schwester und empfindet, ja was empfindet sie eigentlich? Weniger Trauer, als sie dachte. Vielleicht ist die Entfernung ein Faktor, der die Gefühle eindämmt, vielleicht ist es die Tatsache, dass sie es nur von anderen hört und nicht selbst Zeuge seiner Verlorenheit sein muss. Um sie herum sterben junge Leute bei Autounfällen, Freunde von ihr haben Krebs und Multiple Sklerose, ein Kind hat Mukoviszidose. Ihr Vater hatte 83 schöne Jahre. Sie empfindet mehr Mitleid mit ihrer Mutter, die den Vater jetzt wie ein Kind überwachen und anleiten muss, als für ihren Vater, der es nicht zu merken scheint, dass er in ein anderes Land abgedriftet ist. Ist das schlimm?

Samstag, 3. Oktober 2015

Neues Wort

Im Moment schläft Lilli schlecht. Sie träumt wirres Zeug, wacht um halb drei auf und wirft sich dann hin und her. Schuld daran ist... nun ja, vieles. Arbeit. Monsieur. Strolche. Herbstanfang. Zu viel Pizza. Und nicht zuletzt Allergien, die seit Mai dauern und jetzt noch einmal zur Hochform auflaufen.

Heute abend hat Lilli keine normalen Allergietabletten mehr. Diejenigen nämlich, die sie seit Monaten schon nimmt, die 24 Stunden wirksam sind und nicht schläfrig machen. Sie hat aber noch Benadryl. Nun, warum nicht. Sie wird sich, wie vor kurzem doch tatsächlich in einer Fernsehserie gehört, ins Bett "benadrylieren". Dann schläft sie hoffentlich mal wieder eine Nacht durch.

Sonntag, 26. April 2015

Schlechte Absicht, gutes Ziel?

Monsieur hat einen Freund, dessen fast 20jährige Ehe im Januar in die Brüche gegangen ist. Nun, natürlich ist sie über Jahre hinweg in die Brüche gegangen - das fängt an mit kleinen Rissen, die irgendwann so zahlreich sind, dass sie dem Druck nachgeben und das ganze Bauwerk nur so zerbröselt - aber seit Januar lebt er getrennt von seiner Frau. Im Februar sprach der Freund von seiner Frau noch als "die Liebe seines Lebens", im März stritten sie sich um Zahlungen und das Aufteilen von Häusern, Autos und Kindern, im April war der Freund auf einem Dating-Site schon auf eine neue Frau gestossen und fühlte sich "wieder wie 18". Er hat sich eine i-Watch gekauft, mit der er jetzt joggen geht, um ein paar Pfunde zu verlieren.

Monsieur will jetzt auch joggen gehen. Lilli, die das seit Jahren schon rät, weil Sport nicht nur den schrecklichen Bauch wegschmilzt, sondern auch gut ist für Leute, die von dunklen Gedanken geplagt sind und schlecht schlafen, findet das hervorragend. Und gleichzeitig suspekt. Trotzdem geht sie mit ihm Schuhe kaufen. Könnte ja der Anfang eines gemeinsamen Laufprojekts sein. Es sei denn, Monsieur will vor ihr davonlaufen...

Samstag, 22. November 2014

Ohne Worte

Monsieur rastet aus. Er hat einen stressigen Tag hinter sich und dass der grosse Strolch sein Aquarium wieder einmal entgegen aller Versprechen nicht geputzt hat, kommt ihm jetzt gelegen, um auszurasten. Er tobt, flucht und schreit, der grosse Strolch weint, hinterher weint Monsieur im Schlafzimmer hinter geschlossenen Türen, weil er es bereut, sich nicht besser beherrscht zu haben.

Am Tag darauf spielen beide zusammen Gitarre, so richtig mit Verstärker und viel elektronischem Gejaule. So tun sie sich wieder zusammen.

Männer.

Montag, 25. August 2014

Zeichen und Wunder

Lilli ist inzwischen soweit, dass sie ins Auge fasst, was für sich selbst zu machen in all der vielen Freizeit, die die Strolche und Monsieur ihr lassen. Ein Jodeldiplom zum Beispiel oder eine andere hübsche Sache, die nichts mit ihrem Job zu tun hat und kein Sport ist. Der Sommer ist eine gute Zeit, um sich solche Gedanken zu machen, denn Kurse gehen normalerweise im September los und da sollte man sich dann gezielt zu irgendwas anmelden können. Noch dazu hat so ein Kurs ja den Vorteil, einen mit anderen (notwendigerweise) Gleichgesinnten zusammenzubringen und WER WEISS, wozu das führen kann. Womöglicherweise zu einer Freundschaft mit jemandem, mit dem man dann Sachen unternehmen kann, zu denen Monsieur keine Lust hat... Insgesamt also eine gute Idee, und prompt meldet sich bei Lilli der allemal überraschende Wunsch, einen Pinsel in die Hand zu nehmen und zu malen (nicht anzustreichen). Lilli weiss nicht und kann nicht recht verstehen, wo dieser Wunsch nun herkommt oder wo er sich die letzten 30 Jahre, denn solange ist es bestimmt her, dass Lilli ein Bild gemalt hat, versteckt hat. Egal, sie sieht sich nach Malkursen für Anfänger um und wird natürlich in einer Stadt wie Montréal auch fündig. Der Termin ist ein Problem, denn tagsüber ginge zwar manchmal (schliesslich arbeitet sie nur 3 Tage pro Woche), aber halt nicht immer, und nichts hasst Lilli mehr, als einen Kurs zu verpassen, für den sie angemeldet ist. Abends unter der Woche ist auch ganz schlecht, denn schliesslich haben da die Strolche Eishockey, Basketball, Gitarre und all sowas. Am Wochenende? Ja, da sind ja dann die Wochenenden futsch, die vielen Sonntagsausflüge (ha, ha), und Samstags muss Lilli schliesslich einkaufen. Lilli hört sich eine Weile zu, wie sie so nachdenkt und sich anhört wie ihre Mutter, wenn nicht schlimmer. Schliesslich entscheidet sie, dass einem Samstagskurs absolut nichts im Wege steht. Sie findet sogar einen in der Nähe, zu dem sie mit dem Rad hinfahren könnte. Leider verlangen die als Voraussetzung für den Malkurs einen - o Graus - Zeichenkurs. Das konnte Lilli noch nie! Sie windet sich bei dem Gedanken, etwas zeichnen zu müssen, obwohl sie die Logik hinter der Voraussetzung schon versteht. Wie soll man etwas malen können, und sei es nur eine Flasche oder ein Apfel, ohne irgendwelche Grundkenntnisse in Perspektive, Rundungen, Licht und Schatten zu besitzen? Beim örtlichen Strassenfest bleibt sie beim Stand der Kunstschule stehen, um die Leute mal ins Auge zu fassen und herauszufinden, ob der Zeichenkurs nun wirklich absolut Bedingung ist oder ob sie nicht auch einfach so in den Malkurs einsteigen kann. Die Leute sind nett, aber unerbittlich. Da meldet sich Monsieur von hinten: "Wenn du einen Zeichenkurs machst, mach ich mit!" Wie bitte??? Da rafft sie sich auf, um sich von Monsieur zu emanzipieren, notgedrungenerweise und ein bisschen resigniert, da dieser kein Interesse zeigt, was mit ihr zu unternehmen, und kaum hat das Projekt konkrete Form angenommen, steigt Monsieur mit ihr in den Zug. Was nun? Nun, sie wird den Zeichenkurs machen, ihre eigene Unfähigkeit konfrontieren und wer weiss, vielleicht sogar überwinden, und zusammen mit Monsieur was ganz Neues erleben. Ein farbenfroher Herbst steht vor der Tür, wer hätte das gedacht...

Mittwoch, 30. Juli 2014

Abkühlung

Immer mal wieder kommt das Thema Neufundland auf bei Lilli und Monsieur. Da gäbe es einen Job für ihn, die Firma seiner Träume, die Stelle schlechthin als Ausweg für alles. Lilli recherchiert St. John's und sieht die traumhafte Lage, die grünen Wiesen, die bunten Häuser, anscheinend gibt's dort eine rege Unterhaltungsszene und Wanderwege ohne Ende. Dann wirft sie einen Blick auf's Wetter: jeden zweiten Tag Regen.

Donnerstag, 5. Juni 2014

Monsieur räumt auf

Lilli kommt heim und keiner antwortet ihrem Hallo. Der kleine Strolch sitzt auf dem Bett und macht Hausaufgaben. Sein Zimmer sieht ungewöhnlich gross aus. Nach ein paar Sekunden kapiert Lilli den Grund dafür: er hat aufgeräumt. Nächstes Zimmer: grosser Strolch. Auch er hat aufgeräumt und macht Hausaufgaben. Sein geknickter Rücken spricht Bände: hier gab es ein Donnerwetter. Lilli legt einen Arm um ihn und fragt, was los ist. "Papa hat uns gesagt, wir sollen aufräumen", bringt er heraus, den Tränen nahe. Lilli geht weiter bis zum Büro von Monsieur. Der erklärt lediglich, dass er die Strolche zu mehr Mitmachen aufgefordert hat, weil ihm die Unordnung (zu der er selbst auch seinen Teil beiträgt) zum Hals raushängt. Als Lilli mehr über die Umstände, den Grund der Auseinandersetzung und den Ton erfahren will, ahnt sie in seinen kurz angebundenen Antworten die Gewalt, mit der das Donnerwetter auf die Strolche eingebrochen sein muss. Wenn sie weiter darin rumstochert, geht das Ganze wieder von vorne los, da heisst es lieber vorsichtig sein und die Dinge abkühlen lassen. Lange war Monsieur eher ausgeglichen gewesen, jetzt scheint er sich wieder in Richtung Abgrund zu bewegen. Was für ein mieses Nachhausekommen in ein aufgeräumtes Haus.

Dienstag, 3. Juni 2014

Schlaf gut, wenn du kannst

Monsieur hat ein Schlafmittel verschrieben bekommen, das ihn auch tagsüber müde macht und zudem appetitfördernd wirkt. Kurzum, wenn er nicht gerade müde ist, hat er Hunger. Nicht direkt der Knaller unter den Medikamenten, die doch eigentlich das Leben erleichtern sollen... Lilli ist ja immer noch der Meinung, dass er lieber mal jeden Tag fünf Kilometer laufen sollte.

Montag, 7. Mai 2012

Neues Aufgabengebiet

Im Lillischen Haushalt wurde schon so oft vergessen, Garage und Haustür abzuschliessen, ohne dass je eingebrochen wurde, dass hier ganz klar ein Schutzengel zugange sein muss. Vielleicht sollte Lilli mal lieber abends eine Kontrollrunde drehen, damit sich der Schutzengel anderen Gebieten ihres Lebens zuwenden kann...

Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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