Donnerstag, 22. Mai 2008

Lilli und der Bär

Heute morgen ist mir wieder der streunende Hund begegnet, der wie ein Schwarzbär aussieht. Und das weiß ich, weil mir auch schon einmal ein Schwarzbär begegnet ist, den ich zuerst für einen pummeligen Hund gehalten habe. Natürlich nicht direkt in unserer Nachbarschaft, denn um einem Bären ins glitzernde Auge zu sehen, muss man selbst in Kanada in eine einsame Hütte an einem einsamen See fahren. Vor ein paar Jahren haben wir also am Lac à Noël nördlich der Stadt Québec Urlaub gemacht. Dieser See liegt in einem staatlich geschützten Waldstück, in dem ein paar schnuckelige Hütten an Angler und andere ruhesüchtige Familien wie wir vermietet werden. Von der Hütte führte ein Trampelpfad quer durch den Wald bis hinunter an den Bootssteg, und genau auf diesem Trampelpfad stapfte ich entlang (Monsieur war mit den damals noch winzigen Strolchen bereits vorausgegangen), als mir plötzlich ein schwarzes, dickes Tier von rechts entgegenkam. Zuerst dachte ich, es müsste ein Hund aus einer anderen Hütte sein, dann aber fiel mir auf, dass diese Ohren und diese spitze Schnauze zu keiner Hunderasse der Welt passen. Der Bär und ich hielten inne, starrten uns eine Sekunde lang an, und bevor ich mich noch entscheiden konnte, ob ich mich lieber langsam rückwärts davonmachen oder mich umdrehen und schnell wegrennen sollte, war er es, der kehrt machte und davonlief. Er kam mir klein vor, und wenn es ein Bärenjunges auf Entdeckungstour war, dann hatte es womöglich genauso viel Angst vor mir wie ich vor ihm. Wahrscheinlich ist er direkt zu seiner Mama gelaufen und hat ihr erzählt, er hätte ein staksiges Monster ohne Fell gesehen ("Mama, ich hatte solche Angst, das Monster könnte mich fressen"). Ich jedenfalls bin schnell zu Monsieur gelaufen und war stolz darauf, so eine tolle Geschichte erzählen zu können.

Seither hüte ich diese Erinnerung wie einen dicken glatten Kieselstein, der genau in die Handfläche passt und mich daran erinnert, dass ich in einem Land lebe, das sich viele wie eine Postkarte von unendlichem Ausmaß vorstellen. Zumindest was Bären angeht, hat Kanada voll und ganz gehalten, was ich mir davon versprochen habe.

Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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Zuletzt aktualisiert: 23. Mai, 03:27

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