Stil hat man oder man hat ihn nicht
Der große Strolch steht, obwohl er jetzt bald die dritte Klasse mit Erfolg hinter sich gebracht hat, der schriftlichen Produktion eigener vollständiger Sätze skeptisch gegenüber. Das hängt damit zusammen, dass das hiesige Schulsystem zwar viel Wert auf „transversale Kompetenzen“ legt, dabei aber so simple Dinge wie Erlebnisaufsätze oder gar das schriftliche Formulieren der eigenen Meinung vernachlässigt. Zudem will der große Strolch keine Fehler machen und zögert deshalb lange, bevor er sich festlegt, wie man nun dieses oder jenes Wort schreibt. Nun darf man als Eltern natürlich nicht alles der Schule überlassen, und schon gar nicht die Schulbildung der eigenen Kinder. Deshalb hat der große Strolch von seinen Eltern ein schönes Tagebuch geschenkt bekommen, in das er wenigstens ab und zu etwas reinschreiben soll, um den schriftlichen Ausdruck - vollständige, flüssige Sätze, die sich angenehm und sprachlich interessant aneinanderfügen und dabei über die banale Schilderung der Dinge hinausgehen - zu üben. Der kleine Strolch, nicht ganz so erfolgreicher Erstklässler, sieht das Ganze unbefangener und hat ebenfalls angefangen, seine Erlebnisse zu notieren. Er verwendet dafür eine Art Lautschrift, die uns zwar die Haare zu Berge stehen lässt, aber zumindest soweit funktioniert, dass man mit etwas Übung den Sinn entziffern kann. Über den missglückten Waldspaziergang am Sonntag kann man denn beim großen Strolch in etwa nachlesen: „Heute Nachmittag waren wir im Wald spazieren, was sehr mühsam war, da die Wege voller Schlamm waren und es viele Schnaken gab.“ Der kleine Strolch dagegen schrieb: „Wir sind in den Wald gegangen und die Wege waren voller Kacke. Wir steckten alle in der gleichen Kacke.“ Das, liebe Leser, nenne ich schreiben mit Stil.
Lilli legt los - 17. Jun, 11:19