Weicheier
Im Laufe des Sommers muss Lilli zu allerhand mondänen Angelegenheiten, die in unterschiedlich eleganten Rahmen stattfinden und den immergleichen Kern von Leuten mit wechselnden Zusatzgästen zusammenführen. Lilli hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass sie aufgrund der ihr angeborenen Größe und ihrer im Laufe der Jahre anwachsenden Absätze keine Chance hat, sich in der Menge zu verstecken, sondern im Gegenteil schon beim Eintritt in einen Raum die Blicke auf sich zieht. Tatsächlich hat sie im Studium mal gelernt, dass das Auge mit Vorliebe betrachtet, was aus dem Rahmen fällt (d.h., die Bewegung inmitten von Stillstand, die Kontrastfarbe, die geschlossene Form inmitten von Linien usw.) und weiß deshalb, dass die Leute nicht absichtlich den Kopf drehen – sie können einfach nicht anders. Folglich muss Lilli auch viele Leute grüßen, was hier entweder mit Küsschen rechts/links (und nicht rechts/links/rechts wie in Frankreich) abläuft oder mit einem Händedruck, der der Schwäbin in ihr natürlich tausendmal lieber ist. Was sie aber gar nicht leiden kann, sind die Leute, die ihr die Hand geben, ohne zu drücken. Also so was Unangenehmes! Da liegt die Hand schlaff wie ein warmer Fisch in der unsrigen, wir drücken zu und spreizen anschließend die Finger, als hätten wir sie aus Versehen in Himbeergrütze getaucht und müssten nun die einzelnen glibberigen Stücke abschütteln. Da drängt sich doch glatt die Frage auf, wieso noch niemand diesen Nichtdrückern gesagt hat, dass sie dadurch genau das hinterlassen, was man einen negativen Ein-Druck nennt? Mit anderen Worten, dass sie so bei ihrem Gegenüber sofort untendurch sind? Wobei untendurch bei Lilli – aufgrund ihrer Körperlänge, nicht wahr – ziemlich weit unten ist…
Lilli legt los - 20. Aug, 08:17