Erstaunlich normal
Wenn einem etwas Außergewöhnliches zustößt – sagen wir mal, der Hund wird von einem Auto überfahren oder der Ehepartner wird plötzlich depressiv – ist man nicht so sehr darüber verwundert, dass dies tatsächlich passiert ist. Schließlich passieren ständig irgendwelche Sachen, darüber liest man in der Zeitung und hört es im Freundeskreis. Dass es nun einmal auch uns trifft, ist statistisch absolut akzeptabel. Nein, man wundert sich, dass um das Meteorloch, das von nun an unser Leben verunziert, also dass um die Katastrophe drumrum alles andere normal weitergeht. Was ist der Alltag doch machtvoll, und wie unerbittlich fordert er Aufmerksamkeit ein! So kommt es, dass Lilli, während sich der depressive Monsieur nach einer schlaflosen Nacht endlich die chemische Keule übergezogen hat und in den frühen Morgenstunden wegdämmert, so wie jeden Tag aufsteht, duscht, die Strolche weckt, Frühstück macht usw. Sie wundert sich, dass diese alltäglichen Gesten einfach so weitergehen; sie muss sich zwar anstrengen, um die Strolche anzulächeln, findet aber gleichzeitig Trost darin, dass dieser Teil ihres Lebens dem Meteor entkommen und (noch) unversehrt ist. Daran kann man sich vielleicht festhalten, wenn man verzweifeln möchte, dass das Paar, das man einmal gewesen ist, auf einmal nicht mehr existiert, weil der Andere eine Reise ins Innere des Abgrunds angetreten hat. Dass ihr Hund tot ist (wie man auf französisch sagt), möchte Lilli trotzdem nicht glauben. Wie sie ihn gesundpflegen kann, muss ihr aber erst mal jemand sagen.
Lilli legt los - 17. Okt, 09:03