Kalt, sagten Sie?
"7 Uhr 02, es hat minus 20 Grad in Montréal, hier kommt Esther Morin mit den Nachrichten", sagt Lillis Lieblingsradiosprecher so locker dahin, als wäre es ein weiterer schöner Tag, um am Strand unter Palmen spazierenzugehen. Heute haben die Strolche schulfrei, da die Landtagswahlen in ihrer Turnhalle stattfinden, und ausserdem einen Zahnarzttermin. Von der Victoriabrücke, die über den Eisschollen vor sich herschiebenden Sankt-Lorenz-Strom führt, bewundern Lilli und die Strolche die Dampfschwaden, die vom Fluss aufsteigen, als würde er kochen. In der Innenstadt hasten Passanten, die Gesichter in Schals vergraben, in ihre Büros, während Raucher in kleinen Grüppchen auf den Gehwegen stehen und die Hand, die nicht die Zigarette hält, unter den Arm klemmen, um sie dort zu wärmen. "Kalt heute, nicht wahr?", sagt die Zahnarzthelferin, die den kleinen Strolch bearbeitet, zur Begrüssung. Dann lässt sie die Instrumente schnurren, dass Lilli die Gänsehaut den Rücken runterläuft. Noch lächeln sich die Leute zu, wenn sie über die Kälte sprechen, denn noch ist sie neu und prickelnd wie ein Brausebonbon.
Lilli legt los - 8. Dez, 12:57