Montag, 23. Februar 2009

Kunst ist...

„Mami, was macht der Mann da drin?“, fragten die Strolche früher immer, wenn sie ins Hallenbad gingen und an einer Garage vorbeikamen, in der ein Künstler sein Atelier eingerichtet hatte. „Der macht Kunst“, sagte Lilli dann immer lahm, ohne recht erklären zu können, was man darunter versteht. Denn meistens (so konnte man jedenfalls durch die offenstehende Garagentür beobachten) hämmerte der Mann auf einem Gipsblock herum oder schweißte Eisenstangen zusammen, während im Vordergrund Quietsche-Enten und Weinflaschen in einem Planschbecken schwammen und Jazz vom Feinsten lief. „Mami, was ist Kunst?“, fragten die Strolche natürlich unweigerlich, bis Lilli einen ersten und relativ erfolgreichen Besuch im Museum auf die Tagesordnung setzte. Darauf folgten im Lauf der Jahre mehrere andere Besuche in Montréal, Québec und auch in Deutschland, die alle eines miteinander gemeinsam hatten: es handelte sich um relativ gegenständliche Kunst, wenn auch vielleicht mal ein grünes Gesicht dabei war, eine Skulptur aus Schokolade oder ein in der Luft hängender Schredder, der in regelmäßigen Abständen Konfettis auf den Boden regnen ließ. Letzte Woche aber ging es zu den großen bunten Bildern von Claude Tousignant, dem das Musée d’art contemporain in Montréal momentan eine Sonderausstellung widmet. Diese fängt mit Farbflecken an, die schnell von Streifen und zielscheibenartigen konzentrischen Kreisen abgelöst werden, um schließlich in riesige monochrome „Werke“ zu münden, eines davon in unberührtem Weiß. Aber die Strolche gingen mit offenen Augen und Herzen von Saal zu Saal, bewunderten, begutachteten – und lachten auch manchmal, wenn der große Strolche meinte, dass er dieses oder jenes Werk auch vollbringen könne, wenn Lilli ihm nur einen genügend großen Farbeimer zur Verfügung stellen würde. Als sie später bei Kaffee und Kuchen saßen, stellte Lilli mutig die Frage, mit der ihre Museumsbesuche vor ein paar Jahren angefangen hatten: „Wißt Ihr jetzt, was Kunst ist?“ Wie immer hatte der kleine Strolch eine Antwort parat. „Kunst ist cool“, meinte er lakonisch. Und Lilli dachte bei sich, dass das nicht die schlechteste Definition sei.

Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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Zuletzt aktualisiert: 23. Mai, 03:27

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