Doppelt beeindruckt
Montreal ist beileibe keine zweisprachige Stadt, auch wenn es für Außenstehende so aussehen kann. Es gibt zwar schon viele zweisprachige Menschen hier, aber selten nur handelt es sich bei diesen zwei Sprachen um Englisch und Französisch. Viel öfter kommt es vor, dass Leute Griechisch und Englisch, Italienisch und Englisch oder Punjabi und Englisch können, während die, die Französisch sprechen, sich meist in allen anderen Sprachen schwertun. Es gibt offiziell zweisprachige Stadtteile, in denen alle Kommunikationsmittel auf Englisch und Französisch produziert werden und sogar die Straßennamen zweisprachig auf den Schildern stehen, aber auch dort sprechen die wenigsten Bewohner beide Sprachen fließend. Und drumherum gibt es hauptsächlich Leute, die entweder Englisch oder Französisch als Muttersprache beherrschen und die andere offizielle Sprache Kanadas in der Schule als Fremdsprache gelernt haben. Wer schon einmal in der Innenstadt westlich der Nord-Süd-Axe der Universität McGill versucht hat, ein Paar Turnschuhe zu erstehen, wird bestätigen können, dass dies auf Französisch fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Regierung der Provinz Québec, die wiederum einsprachig ist, will dies ändern, hat aber mit der kürzlichen Verteilung von Aufklebern, auf denen „In diesem Geschäft spricht man Französisch“ steht, keinen durchschlagenden Erfolg erzielt (wie auch?). Umso beeindruckter war Lilli neulich, als sie zum ersten Mal ins „Children“ musste (Montreals „englisches“ Kinderkrankenhaus, das es geschafft hat, seinen verkürzten Namen in den französischen Sprachgebrauch einzuschmuggeln – „Je m’en vais au Children avec mon garçon.“). Dort war nicht nur der Service um Lichtjahre besser als im „französischen“ Krankenhaus in Lillis Nähe (eine Voruntersuchung, die die Patienten schon mal nach Dringlichkeitsgrad einstuft, BEVOR sie überhaupt zur Krankenschwester kommen, die dann festlegt, in welcher Reihenfolge sie vom Arzt untersucht werden! Ein gemütliches Wartezimmer mit Waschbecken, Waschlappen, feuchten Tüchern, Fernseher – „Nemo“ auf englisch mit französischen Untertiteln – und Stapeln von Bilderbüchern! Zwei getrennte Wartebereiche und Ärzteteams für Verletzte und Kranke! Eine Spieltherapeutin, die die Patienten bei unangenehmen Untersuchungen ablenkt, damit weniger Beruhigungs/Narkosemittel gespritzt werden müssen! Lustige Bilder an der Wand neben der OP-Liege sowie an der Decke, damit der Patient beim Aufgeschnittenwerden was zum Anschauen hat!), also nicht nur der Service war besser, sondern er war auch von Kopf bis Fuß fließend bi. Tatsächlich ALLE Personen, mit denen Lilli in Berührung kam, konnten mühelos vom Englischen ins Französische wechseln und Fieber, Stuhl, Erbrechen und all die anderen netten Dinge, die im Moment durch Montreals Frühlingsluft geistern, wahlweise in der Sprache Shakespeares oder der von Molière besprechen. Als ob das Children die Stadt nach den wenigen wahrhaftig zweisprachigen Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten abgesucht und diese mit einem Zauberbann beworfen hätte, damit sie lebenslang in seinen alten Backsteinmauern Dienst tun. Chapeau!
Lilli legt los - 23. Mär, 09:31