Eine Pizza bitte
Die Frau, die am 25. Dezember in die psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde und seither ihre Tage mit Nichtstun verbringt, kann nicht wirklich sagen, dass es ihr besser geht. Sie werde schlecht behandelt und auf Schritt und Tritt verfolgt, sagt sie. Mit Pillen vollgestopft, mit denen die Ärzte auf das Geheiß der Regierung hin Experimente machen, gegen die sie sich nicht wehren kann. Dass sie dabei als Versuchskaninchen herhalten muss, weiß sie ganz genau, denn an ihrer Tür ist ein Metallschild mit einer Nummer drauf, ganz eindeutig. Wann und wie oft sie ihren Psychiater sieht, der sie fragt, wie es ihr geht, weiß sie dagegen nicht so recht – die Tage vergehen alle im gleichen Rhythmus, mit dem gleichen Stundenplan, dem gleichen Essen, den gleichen unanständigen Witzen der anderen Insassen vor dem immer gleichen Fernsehprogramm. Wie soll man da noch wissen, welches Datum wir haben? Das Essen ist schlecht, wobei sie meistens noch die zähesten Stücke Fleisch und das matschigste Gemüse bekomme, als hätte die Bedienung sich mit dem Küchenchef abgesprochen. Der Stundenplan bietet außer den Mahlzeiten keinerlei Abwechslung, es gibt weder Bücher noch Zeitungen, weder Bastelstunden noch Gymnastik, kein Verlassen der Abteilung, niemals frische Luft. Auch keine Arbeiten wie Küchendienst oder Ausfegen, aber dazu könnte sie sich auch gar nicht genügend konzentrieren, daran sind die Pillen schuld natürlich. Und was die anderen Patienten angeht – es sind fast lauter Männer, die da in Trainingsanzügen, mit ungepflegten Haaren und lüsternen Blicken im Gemeinschaftssaal um den Fernseher sitzen – vor denen hat sie Angst. Manchmal versucht sie trotzdem, ein Gespräch anzufangen, über Jesus zum Beispiel oder wichtige Wörter wie „Mitleid“ oder „Freundschaft“, aber sie spürt, dass ihr nicht wirklich zugehört wird. Dann bohrt die Frau ihren undurchdringlichen Blick in Lillis Augen und sagt erstaunt, als ob sie gerade an einem fremden Ort aufgewacht wäre: „Sie annullieren mich hier drin.“ Und gleich danach: „Ich hätte gern mal wieder eine Pizza.“
Als es Zeit ist, zu gehen, muss Lilli warten, bis sich die Krankenschwester in ihrem Glashaus vom Gespräch mit einer Kollegin losreißt und den Kopf zu ihr wendet. Dann drückt sie auf einen Knopf, der laut summend ankündigt, dass sich die Tür für einen Augenblick öffnen wird, um Lilli hinauszulassen. Alle anderen, da ist sich Lilli sicher, wiegen sich weiter im Schaukelstuhl und sehen ihr mehr glasig als sehnsüchtig hinterher.
Als es Zeit ist, zu gehen, muss Lilli warten, bis sich die Krankenschwester in ihrem Glashaus vom Gespräch mit einer Kollegin losreißt und den Kopf zu ihr wendet. Dann drückt sie auf einen Knopf, der laut summend ankündigt, dass sich die Tür für einen Augenblick öffnen wird, um Lilli hinauszulassen. Alle anderen, da ist sich Lilli sicher, wiegen sich weiter im Schaukelstuhl und sehen ihr mehr glasig als sehnsüchtig hinterher.
Lilli legt los - 15. Apr, 09:40