Ganz woanders
Lillis früherer Boss, ein kreativer Mensch, mit dem sie sich nicht gut verstand, verbrachte lange Wochen damit, Texte zu schreiben. Er war dann nicht besonders ansprechbar und begründete seine mentale Abwesenheit mit den Worten: „Je suis en écriture“ – eine etwas seltsame Formulierung, die das Schreiben mit einem Ort gleichsetzt, so wie man etwa sagt „Ich bin in Finnland“ oder „Ich bin in Hawaii“. Vor kurzem hat Lilli ein altes Projekt wieder hervorgeholt, das bei näherer Hinsicht zu weit fortgeschritten ist, um es nicht auch zu vollenden. Außerdem hat sie gerade eine Auftragsflaute Zeit, weshalb sie sich vorgenommen hat, von nun an jeden freien Nachmittag mit Schreiben zu verbringen. Und komischerweise versteht sie jetzt, was ihr damaliger Boss mit seiner Formulierung meinte. Das Schreiben ist tatsächlich ein einsames Vergnügen, oder vielmehr richtige harte Arbeit, bei der man der leeren Bildschirmseite entsetzlich allein ausgeliefert ist. Wenn das Schreiben aber fließt, versinkt die Welt um einen herum und macht Platz für ein neues Land, das man selbst erfunden hat. Erst, wenn die Strolche nach der Schule an der Tür klingeln, kommt Lilli wieder zurück an ihren Schreibtisch – mit der deutlichen Empfindung, sich tatsächlich woanders aufgehalten zu haben. Ihre Tage werden dadurch richtiggehend ereignisreich, wenn sich auch von außen betrachtet rein gar nichts zugetragen hat.
Lilli legt los - 12. Mai, 15:32