Fernsehen und Wirklichkeit
Wer in London U-Bahn fährt, wundert sich anfangs über die theatralisch-eindringliche Durchsage „Mind the gap!“, die kurz vor Einfahrt des Zuges über die Köpfe der wartenden Passagiere dröhnt. Damit sollen die Passagiere gewarnt werden, doch bitte beim Betreten des Zuges nicht in die Spalte zwischen Bahnsteig und U-Bahn zu fallen. Genau so einen Spalt (um nicht zu sagen Abgrund) hat Lilli jetzt auch zwischen Krankenhaus-Fernsehserien und der öden Wirklichkeit eines Wartezimmers für kleinere Eingriffe des städtischen Krankenhauses entdeckt. Wo bitte sind die schönen Krankenschwestern, die gütig oder auch raubeinig, aber immer heroisch wirkenden Ärzte, die sexy Assistenten, das ganze Adrenalin? Wo die netten Damen mit dem Kaffee und den Muffins? Wo die kalten Schönheiten der Direktion, die mit Akten unter dem Arm durch die Gänge stöckeln? Und die lieben Ärztinnen, die mitfühlend die Hand auf den Vorderarm legen und tröstende Worte finden, als warteten nicht noch 10 andere Patienten auf sie? In diesem Wartezimmer jedenfalls gab es nur müde wirkendes Personal in blässlichem Grün, müde Patienten, die allesamt längst einmal zum Friseur gehört hätten, und müde Ärzte, die die Patienten mit müder Stimme aufriefen, als stünde hier nicht eine Magenspiegelung, sondern die Reparatur eines Staubsaugers bevor. Der kalte Frühlingsregen, der an die nicht vorhandenen Fenster klatschte, und die Neonröhren an der Decke trugen das ihrige dazu bei. Insgesamt war das Erlebnis so nichtssagend wie ein Papiertaschentuch und so monoton wie eine U-Bahnfahrt von Holborn nach Cockfosters. Da sieht man mal wieder, dass man nicht alles glauben darf, was so im Fernsehen kommt.
Lilli legt los - 18. Mai, 18:44