Schlimm, oder?
Der große Strolch kommt wimmernd nach Hause, schmeißt seinen Schulranzen in die Ecke und stößt hervor, was keine Mutter hören will: „Mama, es ist was Schlimmes passiert!“ Ogottogottogott, denkt Lilli panisch und will sofort wissen, was denn nun. „Heute kamen die Antwortbriefe aus Burkina Faso – und meiner war nicht dabei!“ Großer Schluchzer des großen Strolches, Erleichterungsseufzer von Lilli. Es gab also lediglich ein Problem bei der Zustellung des Briefes eines Kindes aus Afrika, das im Rahmen eines Klassenprojekts dem großen Strolch hätte schreiben sollen. Kein Beinbruch, keine Schießerei, kein Erstickungsanfall, keine Entführung direkt aus dem Schulhof. Lilli nimmt den großen Strolch in die Arme und streicht ihm über den Rücken. „Das ist doch nicht schlimm, das ist höchstens eine schlechte Neuigkeit“, versucht sie ihn zu trösten. Und merkt, dass ihre haarspalterische Semantik ihn kein bisschen tröstet. Erst, als er vor einem Glas Milch und einer Zimtschnecke sitzt, sieht die Welt für ihn wieder ein bisschen fröhlicher aus. Und erst, als Lilli abends ins Bett geht, denkt sie noch einmal über die Wortwahl des großen Strolches nach und darüber, dass er eigentlich doch recht damit gehabt hatte. Vielleicht ist ein fehlender Brief für Lilli nicht schlimm – es stimmt ja, dass in ihrer Erwachsenenwelt täglich weit füchterlichere Dinge geschehen -, für den großen Strolch aber war es das passendste Wort, das er finden konnte. Der Schlimmheitsgrad eines Ereignisses ist wohl, genau wie Zeit, Wassertemperatur, die Schönheit von Scarlett Johansson und die Größe einer Tafel Schokolade, subjektiv... und Lilli nimmt sich vor, in Zukunft mit ihren Kindern mehr Einfühlungsvermögen und weniger Semantik zu betreiben.
Lilli legt los - 25. Mai, 13:02