Mit grossem Geschrei sammeln sich die Wildgänse am Himmel, um nach Süden zu fliegen. Es ist Zeit, denn die Blätter fallen schon von den Bäumen und nachts kann es mächtig kalt werden. Die Wildgänse ziehen davon, in Dreiecken oder schönen geraden Linien, und keiner weiss, ob ihr Krächzen nun ein Abschiedsgruss oder aber schallendes Gelächter ist. Die Menschen am Boden bleiben zurück, nun ganz allein mit den Eichhörnchen und Feldhasen, und fragen sich: warum eigentlich? Warum tut man sich den Winter an? Dann fällt ihnen das Skifahren ein und sie atmen tief durch, bevor sie den Kragen hochschlagen und die Hände in die Taschen stecken. Wer in den Mantelkragen atmet, dem beschlägt die Brille.
Lilli legt los - 28. Sep, 10:00
Da die Stadtverwaltung beschlossen hat, ein neues Sportzentrum zu bauen, und im Sommer schon mal forsch daran ging, das alte abzureissen, bevor überhaupt ein Bauherr für das neue Projekt gefunden ist, sucht Lillis Hausfrauengymnastik nach einer neuen Bleibe. In den letzten zwei Wochen war es Lilli deshalb beschieden, die Gemeindesäle verschiedener Kirchen zu betreten (was Lilli in ihrem vorigen Leben nur selten passiert war) und mit Erstaunen zur Kenntnis zu nehmen, dass diese allesamt in schlechtem Zustand und mit fraglichem Geschmack dekoriert sind. So hüpfen also die Damen stattlichen Alters und die drei Mädels aus Lillis Generation, wahlweise mit Schlabber-Jogginghosen und ausrangiertem T-Shirt oder enganliegenden Yogaklamotten ausgestattet, neben Plakaten, auf denen "Jeder Tag ist ein Tag in Gottes Anwesenheit" und "Blühe dort, wo Deine Wurzeln sind" steht, zum Rhythmus der Schlager der 80er Jahre, in denen Lillis Lehrerin zum ersten Mal verliebt war. Lilli sehnt sich nach der alten Sporthalle zurück, in der zwar auch der Putz von den Wänden blätterte, die aber immerhin gar nicht dekoriert war und keines der drei Übel aufwies, die Lilli als die schlimmsten Makel der neuen Ersatzturnhallen definiert hat:
1. der Geruch nach scharfen Putzmitteln, kaltem Kaffee und alten Tupperschüsseln, der dort wabert, wo Kirchengemeinderatsmitglieder und Krabbelgruppen tagen, turnen und Kekse essen.
2. der Geruch nach alten Klamotten und noch älteren Büchern, die wohltätige Vereinsmitglieder in einem fensterlosen Verschlag hinter der Bühne horten, um sie am Bazar vor Weihnachten für einen guten Zweck zu verscherbeln.
3. Spiegelwände.
Nr. 3 - OGOTTOGOTTOGOTT! - tauchte heute Morgen ganz unerwartet in einem Saal auf, der ansonsten (mit seinen grossen Fenstern und dem hübsch grün-rot kariertem Linoleumfussboden) gar nicht schlecht wäre. Eine ganze Wand, von oben bis unten mit Spiegeln beklebt, die Lilli mit einem Bild beworfen haben, auf das sie gerne verzichtet hätte. Vielleicht, wenn man die Spiegel grossflächig mit besinnlichen Plakaten überdecken könnte... denn obwohl Lilli gerne dort blühen möchte, wo ihre Wurzeln sind, ist das Zusehen dabei die reinste Folter.
Lilli legt los - 27. Sep, 13:52