Mittwoch, 18. April 2012

Lilli liest um die Wette

Da der grosse Strolch Agatha Christie mag, drückt ihm Lilli nach dem Büchereibesuch "Rebecca" von Daphné du Maurier in die Hand. Sie kennt ihn schon, diesen alten Psychothriller um die schüchterne junge Frau ohne Vornamen, die unter dem Phantom ihrer Vorgängerin leidet, und freut sich darauf, mit dem grossen Strolch darüber zu reden. Ein Strohhalm wie ein anderer, um mit einem schlaksigen Dreizehnjährigen in Kontakt zu bleiben, der dieser Tage ganz gehörig zwischen seinem Kleinenjungendasein und Teenagermentalität pendelt. Um aber seine Fragen beantworten zu können - was ist eine dame de compagnie, eine gouvernante, eine fille de chambre? - muss Lilli den Schinken selbst noch mal lesen, denn ausser der Grobstruktur kann sie sich doch kaum mehr an etwas erinnern. Jetzt hat das Buch also zwei Lesezeichen, und wenn Lilli auch abends den Strolch überrundet, holt er tagsüber wieder auf wie Jacques Villeneuve damals, als er noch richtige Autorennen fuhr...

Lillis Erwachen

Wieder einmal ist Lilli mit geschlossenen Augen durch den April getaumelt. April ist hier kein Monat zum Leben: der Winter wintert noch vor sich hin, obwohl er jedem zum Hals raushängt und sich schon längst hätte nach Norden in den Permafrost (auf französisch so ein hübsches Wort, pergelisol) verziehen sollen; die Bäume schlagen kein bisschen aus, dafür schlägt die Einkommensteuer zu und die Ameisen, die man letzten Sommer aus der Küche vertrieben hat, schlagen mit erneuten Kräften zurück. Wieder einmal ist Lilli mit geschlossenen Augen Tag für Tag zum Zug gestiefelt, hat sich nach der Arbeit durch unzählige Elternsitzungen gekämpft und schmerzhafte Stunden auf unbequemen Bänken in miefenden Turn- und Eishallen abgesessen. Und dann auf einmal sprechen Lillis Mitmenschen von Sommerferien und Urlaubsplänen, da müssen Feriencamps gesucht und gebucht werden und die Wochen bis zum Schulende zählen sich an zwei Händen ab. Da braucht man plötzlich kurze Hosen, Sandalen und eine Pediküre, und die Vögel schreien Lilli zu: Mach die Augen auf, der Sommer ist da. Dieser Tage blinzelt Lilli wie ein Bär nach dem Winterschlaf.

Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 6184 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 23. Mai, 03:27

Credits

Web Counter-Modul


Laufen
Lillis Positiv-Pakt
Mitmenschen
Reise in den Abgrund
Selbständig arbeiten
Strolche
Zeitmanagement
Zonstiges
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blog Verzeichnis Bloggeramt.de