Mein Freund, der Baum
Lillis Kollegin erzählt in der Mittagspause über ihren dreijährigen Aufenthalt in Nunavut. Erst herrscht Verwirrung, denn keiner weiss so recht, wo man dieses jüngste kanadische Territorium geografisch so genau ansiedeln soll. "Nunavik?", meinen manche gehört zu haben, aber das ist ja im Norden der Provinz Québec. Nein, Nunavut ist noch viel weiter nördlich, riesengross und fast nicht bevölkert. Sie zeigt Fotos von karger Landschaft, im Sommer braun und grau, im Winter weiss. Sie erzählt vom Seehund-Wett-Zerlegen und rät, Seehundfleisch immer mit einem Stück Fett zu essen, um den Geschmack erträglich zu machen. Sie hat Campingfeste erlebt, die sich im Sommer bis in den Morgen hinzogen, da die Sonne einfach nicht untergehen will. Himmelserscheinungen wie Nordlichter und dreifache Sonnen. Unglaubliche Lebensmittel- und Mietpreise, aber auch eine Hilfsbereitschaft und ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das daher stammt, dass jeder von auswärts kommt und auf eine Ersatzfamilie angewiesen ist. Und wenn die Leute "aus dem Süden" das völlige Fehlen von Bäumen ansprechen, wird ihnen geduldig erklärt, dass Bäume nur die Sicht versperren und sie deshalb heilfroh sein müssten, keine zu haben. Lilli denkt noch lange über diese Ansicht nach. Wie kann die Landschaft das Empfinden der Leute so prägen? Mögen Mitteleuropäer Bäume nur deshalb, weil sie inmitten von Mischwäldern aufgewachsen sind? Lilli jedenfalls fühlt sich den Japanern da näher als den Nunavutern: auf japanisch gibt es ein Wort, das "Waldbaden" bedeutet, so wie Sonnenbaden. Am Freitag, wenn die Strolche keine Schule haben, wird sie sie endlich mal wieder mit auf ein Waldbad nehmen...
Lilli legt los - 14. Nov, 17:41
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