Ist ja auch egal

Wenn Lilli Leuten erklärt, dass sie nur drei Tage pro Woche arbeitet, finden das alle toll. "Boh, das ist ideal", sagen sie, "da hast du ja so viel Zeit!"


Lilli ist immer wieder erstaunt, wie wenig man doch mitteilt, wenn man die Wahrheit spricht, und wie viel an zusätzlichen Erklärungen nötig wäre, bis der Gegenüber versteht, wie die Wahrheit tatsächlich aussieht. Auch die Strolche beneiden sie darum, wenn sie montags nicht aus dem Haus muss, während für sie die Schule wieder losgeht. "Du hast es gut", sagt der grosse Strolch, "du musst heute nicht arbeiten."

In Wirklichkeit bringt ein Dreitagejob einige Nachteile mit sich: man muss das Informationsdefizit nachholen, das an Tagen der Abwesenheit entsteht, und läuft dabei ständig Gefahr, im Kreise der Kollegen als unaufmerksam oder dumm ("das haben wir doch gestern besprochen") zu gelten. Man erbringt stets weniger Leistung als die Vollzeitkräfte, braucht oft länger, bis ein Projekt zu Ende geführt werden kann, weil immer wieder Löcher im Zeitplan überbrückt werden müssen, und antwortet auf E-Mails mit Verzögerung, die nicht Alle verständnisvoll auf die Dreitagesituation zurückführen, sondern als unhöflich oder unzuverlässig auslegen. Wer gerne für seine Leistung gelobt wird und auf seine Arbeit stolz sein will, hat deshalb ständig das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen oder sein Geld nicht wert zu sein - das nagt am Selbstwertgefühl.

Und was die Tage zuhause angeht - nun, die sind bis oben hin mit Haushalt zugemüllt, wenn nicht Monsieur eine Sekretärin, Buchhalterin, Organisatorin oder sonstwie Fachkraft für alles braucht. Lilli kann sich nicht erinnern, unter der Woche mal tagsüber ein Buch in die Hand genommen zu haben, es sei denn bei einem Arzttermin. Stattdessen räumt sie hinter ihren Männern auf oder putzt den Kühlschrank, und trotz aller Anstrengungen ist ihr Haushalt unweigerlich weniger in Schuss als bei den Stay-at-Home-Moms, mit denen sie sich dummerweise vergleicht, weil sie ja schliesslich auch - zumindest in Teilzeit - zu dieser Gruppe gehört.

An beiden Fronten kommt Lilli sich also manchmal so vor, als leiste sie weniger als die Anderen. Natürlich hat sie es sich selbst so ausgesucht und natürlich würde sie ihren Dreitagejob nicht gegen eine Vollzeitstelle eintauschen wollen. Natürlich hat sie weniger Arbeit als Leute, die ihren gesamten Haushalt am Wochenende erledigen müssen oder womöglich Kinder mit besonderen Bedürfnissen haben. Das weiss sie alles. Trotzdem würde sie manchmal gerne schreien, dass nicht alles immer so rosig ist, wie es aussieht. Aber wie gesagt, das bedürfte einiger Erklärungen und Ausführungen, deren Länge man gut an diesem Post ermessen kann.

Deshalb lächelt sie auch nur und sagt: "Ja, das ist schon ziemlich ideal." Ist ja auch eigentlich egal, was die Leute über sie denken...

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Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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Zuletzt aktualisiert: 23. Mai, 03:27

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