Das Kind im Mann

Es war ein Mal ein kleiner Junge, der Schiffe liebte. Keine kleinen Segelboote oder Motorjachten, sondern große Schiffe, Frachter, Tanker, Schleppschiffe und all so was. Seine Sommer verbrachte er am Ufer eines großen Flusses, an dem er Tag für Tag die großen Schiffe beobachtete, die dort vorbeizogen. Bald kannte er sie alle mit Namen, er konnte sie an ihren Schornsteinen und Kränen auseinanderhalten und vorhersagen, ob sie leer oder aber mit Koks, Benzin, Salz oder Weizen beladen waren. Mit Hilfe seiner großen Schwestern nähte er sich bunte Fahnen, die den Fahnen der verschiedenen Reedereien glichen, und schwenkte sie als Gruß. Manchmal hupte das Schiff dann, um ihn zurück zu grüßen, und das war für den kleinen Jungen wie ein Geschenk. Als er 13 Jahre alt war, machte er einen Schulausflug in eine große Stadt, in der eine seiner Lieblingsreedereien ihre Büros hatte. Er schaffte es, die Reederei ausfindig zu machen, stellte sich an der Rezeption vor und bat mit schlotternden Knien und einem Kratzen im Hals um eine Fahne. Und oh Wunder, jemand ließ sich von dem kleinen Jungen beeindrucken und schenkte ihm eine echte Schiffsfahne, genau so eine, wie die Schiffe der Reederei sie am Masten trugen. Sie maß 2 x 3 m und lag während der ganzen Rückfahrt im Bus ordentlich gefaltet auf seinen Knien. Viele Jahre später – der Junge hatte inzwischen nicht ohne Kummer die Idee aufgegeben, Kapitän zu werden, war in die große Stadt gezogen und arbeitete dort in einer Branche, die am Rande ein ganz klein wenig mit Schiffen zu tun hatte – erfuhr er, dass die Reederei jemanden mit seinen Qualifikationen suchte. Also genau mit seinen Qualifikationen, als sei die Stelle nur für ihn ausgeschrieben worden. Mit pochendem Herzen schickte er seine Bewerbung los und wurde tatsächlich zwei Wochen später zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Seine Handflächen wurden nass. Er kaufte sich einen neuen Anzug, ein neues Hemd, neue Schuhe, neue Socken und zwei neue Krawatten. Er überstand das Vorstellungsgespräch und hatte anschließend ein gutes Gefühl. Fünf Tage später kam die Absage. Und da saß dann der erwachsene Mann bei Lilli am Abendbrottisch und weinte still vor sich hin. Bei genauerem Hinsehen konnte man einen 13-jährigen Jungen erkennen, dem jemand die Fahne weggenommen hatte, um darauf herumzutrampeln.
yonosequepasara - 19. Sep, 09:50

Bei einer Geschichte wie dieser weine und fühle ich mit. Du weißt nicht wie sehr.

Lilli legt los - 19. Sep, 11:22

Danke!

Und das hilft auch tatsächlich...
Kratzbürste - 19. Sep, 09:59

Vielleicht hätte er die Fahne mitnehmen sollen?

Das tut mir sehr leid für ihn. Nach der kleinen Vorgeschichte hätte ich es ihm wirklich gewünscht. Eigentlich sollte ein Arbeitgeber froh sein, so jemanden zu finden.

Lilli legt los - 19. Sep, 11:24

Das hatte ich auch vorgeschlagen,

aber es kam ihm wohl zu anbiedernd vor. Ja, die Reederei wird wohl nie erfahren, was ihr da für ein Fang durch die Hände geglitscht ist...
yonosequepasara - 19. Sep, 11:29

Mann und sein Stolz...

...ich kann ein Lied davon singen... Ich hatte aber auch instinktiv darauf gewartet, dass die Fahne zum Einsatz kommt...
Und die Reederei: die ist selber schuld.
:-)
Lucretia - 23. Sep, 09:28

Unendlich traurig, diese Geschichte.
Mir tun der kleine Bub und der erwachsene Mann sehr, sehr leid.

Ein Trost könnte sein, dass wir noch nicht wissen, ob diese Geschichte nicht noch weitergeht.

(Und: wunderschön geschrieben.)

LgL

Lilli legt los - 23. Sep, 09:36

Oh, sie geht weiter,

das tun doch alle Geschichten im richtigen Leben - nur eben in eine andere Richtung, die sich jetzt noch nicht vorhersagen lässt...

Schön, dass Du wieder aus dem Urlaub zurück bist, Lucretia!

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Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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