Leben auf der Rennbahn

Wie bei jeder unangenehmen Überraschung fragt man sich auch bei einer Depression, ob es nicht schon früher irgendwelche Anzeichen gegeben hat, die uns hätten warnen können: die sogenannten „red flags“ (als ob das Leben ein Formel 1-Rennen wäre, bei dem seitlich irgendwelche Leutchen stehen und Fahnen schwenken). Lilli kann sich nur an eine einzige Begebenheit erinnern, bei der irgendwelche Fahnen geschwenkt wurden, und zwar vor etwa einem Jahr, als Monsieur und Lilli an einem Karting-Rennen teilgenommen haben. Lilli kam sich dabei so vor, als nähme sie auf einem Rasenmäher Platz und fuhr so langsam, dass sie ständig mit einer blauen Fahne bedacht wurde, die soviel bedeutete wie: „Mädel, entweder drehst du auf oder du fährst immer schön an der Seite, um die wilden Männer hinter dir vorbeizulassen.“ Keine angenehme Erinnerung, die aber zum Glück nichts mit den Warnsignalen zu tun hat, von denen weiter oben die Rede war. Dieses Suchen nach frühen Anzeichen ist deshalb so gefährlich, weil es absolut nichts Konstruktives zur Heilung der Depression beiträgt, sondern lediglich im Nachhinein noch die schönen Erinnerungen zertrümmert, die einem eigentlich dabei helfen sollten, positiv zu bleiben und sich liebevoll um den Depressiven zu kümmern… Trotzdem kommt Lilli in unachtsamen Momenten nicht umhin, den Finger in die Wunde zu stecken und sich zu fragen, ob Monsieur nicht schon seit längerer Zeit depressiv ist und das, was sie noch im Sommer zusammen erlebt haben, nur Schau war, aufgesetzte Maske, nur geschicktes Übertünchen des Abgrunds. Und je länger Lilli in der Wunde rumbohrt und mit dem Nagel kratzt, umso sicherer ist sie sich, dass Monsieur das schon seit einer Ewigkeit mit sich rumschleppt. Was sie wiederum so richtig unglücklich macht.
yonosequepasara - 30. Okt, 02:45

Hättiwari

Bei mir in der Gegend heißt das "Hättiwari": Hätte ich damals dieses oder jenes getan/erkannt/...., dann wäre ich heute....
Lilli weiß es selbst, wie viel Sinn das macht...
Und grundsätzlich ist jeder für sich selbst verantwortlich. Alles andere wäre unmenschlich....
Was ich als Familienvater aus eigener Erfahrung vielleicht als Erklärungsansatz beisteuern darf: "Mann" hat Verantwortung, muss stark sein, der Fels in der Brandung, was ist, wenn ich zusammenklappe, bloß nicht daran denken, neinnein, das wird schon wieder. Und ja nicht den Mund aufmachen. Könnte ja was helfen...
Wir Männer sind manchmal schöne Trottel. Eine Schwäche zugeben und um Hilfe bitten, womöglich rechtzeitig...
Wozu nach dem Weg fragen, ich habe ja eine Straßenkarte, das schaffe ich schon alleine...
Stolz und ein verklärtes Bild von Verantwortung, dazu die Liebe zu den Seinen: manches Mal eine teuflische Mischung.

Nielsson - 30. Okt, 05:11

Auch Männer sind Menschen und haben wie alle Menschen eine subjektive Wahrnehmung. :-)
Lilli legt los - 30. Okt, 10:07

Avec des "si"

on s'en va à Paris - so heisst das auf Französisch, und natürlich haben die Sprichwörter und auch du, Yono, Recht! Deine Schilderung des "Mannes an sich" kann einem ganz schön Angst machen - werdet Ihr so erzogen oder schafft Ihr das ganz alleine?
yonosequepasara - 30. Okt, 10:11

Mannsein

Ich bin mir sicher, dass das NICHT genetisch bedingt ist. Gesellschaft, Kultur, Erziehung, Vorbilder...
Ich versuche es bei meinen besser zu machen, muss aber entdecken, dass meine unbewusste "Vorbildwirkung" oft stärker ist als jedes Wort...
Aber ich denke: Wissen ist schon die halbe Miete!
Lilli legt los - 30. Okt, 10:08

Wenn Männer wüssten,

dass sie Menschen sind, würden sie sich doch auch die eine oder andere Schwäche zugestehen, oder?

Nielsson - 30. Okt, 10:31

Ich glaube ja nicht, dass sie es bösartigerweise voreinander und vor anderen Verheimlichen.
Und Selbsttäuschung (hartes Wort für etwas banales) gibt es bei Frauen auch, oder? :-)
Lilli legt los - 30. Okt, 10:38

Selbsttäuschung bei Frauen?

Das gibt es bei uns nicht, denn wir haben einen Spiegel, der uns gnadenlos anzeigt, wo alle unsere Schwächen sind... ;-)

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Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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