Schizophrenie im grellroten Kleid
Am 25. Dezember saß also die versammelte Familie um den schön gedeckten Mittagstisch, als allen klar wurde, dass die große stämmige Frau mit dem Kurzhaarschnitt und den hellen Augen, die erst vor knapp einem Jahr aus der psychiatrischen Anstalt entlassen worden war, nicht allein gekommen war. Oh nein, sie hatte ihre ständige „Begleiterin“ mitgebracht, und die war in großer Fahrt. Ob wir alle schlafen würden, schrie sie uns an, denn wie könnten wir hier so ruhig sitzen, während bei ihr zuhause das Haus abbrennt. Gleich müsste hingefahren werden, sie hätten gar nicht kommen dürfen, es sei ein großer Fehler, sich heute aus dem Haus gewagt zu haben, und jetzt säße sie hier und keiner würde je den Weg zurück finden. Wenigstens all das Essen hätte sie aus dem Haus räumen müssen, damit das nicht auch noch verbrenne, aber in der Eile des Aufbruchs hätte sie nur an ihre Kuscheltiere gedacht, die schließlich ihre Freunde seien und jetzt auf dem Rücksitz des Autos in Sicherheit waren (deprimiertes Nicken ihrer 70jährigen Mutter, die bestätigte, heute nur aus dem Haus gekommen zu sein unter der Bedingung, dass eine Plastiktüte voller Kuscheltiere mitgenommen würde). Als die große stämmige Frau merkte, dass sie nur begütigende und abwiegelnde Antworten bekam, stand sie vom Tisch auf und setzte sich mit ihrem Teller in die Küche. Dort fing sie an, herzzerreißend zu schluchzen und nach ihrer Schwester zu rufen, die zu der Zeit 700 km weit weg bei ihrer Schwiegerfamilie Hackfleischpastete aß. Dann stand sie abrupt auf und begab sich ins Badezimmer, wo sie eine Serie von „Ooooos“ in die Luft schrie, die sowohl erstaunt als auch verzweifelt klangen. Die anderen Anwesenden erlaubten den Kindern, ausnahmsweise jetzt gleich vom Tisch aufstehen zu dürfen und in den Keller zu verschwinden, wo ein elektronisches Spielparadies darauf wartete, in Beschlag genommen zu werden. Dann wurde eine Abordnung an die Badezimmertür geschickt, während sich ein anderer Teil der Familie darum kümmerte, diverse Ressourcen anzurufen, um Rat einzuholen. Schwupps, ging die Badezimmertür auf und heraus marschierte die Frau, die nun ganz von ihrer Krankheit kontrolliert zu sein schien. Auf einen Zettel hatte sie ein großes Kruzifix gemalt, auf das sie zeigte, ohne weiter ein Wort sprechen zu wollen. Auf die besorgten Fragen, was sie damit meinte, sagte sie wieder „Oh“, dann verlangte sie, dass der Fernseher eingeschaltet werde, da sie bald darin sprechen würde. Schließlich könnte sie nicht alle Menschen einzeln anrufen, um sie vor dem baldigen Ende der Welt zu warnen. Das Fernsehen sei die einzige Möglichkeit, zu den Massen durchzudringen, und genau das sei ihre Pflicht, denn sie allein hatte schließlich die sechs Medikamente entdeckt, die die Menschheit retten könnten…
In der Zwischenzeit hatte die große Schwester Rat eingeholt, der allerdings an diesem 25. Dezember mager ausgefallen war. Psychiatrische Notaufnahme, hieß es von allen Seiten – sowohl von dem Wohnheim, in dem sie schon einmal betreut worden war, als auch von der Sozialarbeiterin und der Sekretärin der Psychiaterin, die ihr zweimal im Monat ihre Spritze verschrieb. Also Krankenwagen anrufen und die Polizei, die den Sanitätern beistehen würde, falls es nötig sei. Die Mutter der Kranken ließ sich jammernd auf einen Stuhl fallen.
Die Polizei traf als erstes ein, zwei schmucke junge Herren in dunkelblauer Uniform, die zuerst versuchten, mit der Frau zu reden, aber bald davon abließen, als diese ihnen erklärte, vor dem (ausgeschalteten) Fernseher sitzen bleiben zu wollen, da ihre Nachricht an die Nation ja bald käme. Dann fing sie an, eine Liste der Anwesenden aufzustellen, brachte aber die Namen durcheinander, strich durch, begann von Neuem und zählte mit den Fingern. Einfacher und genauso sinnvoll wäre es, meinte sie dann, einfach nur die Anwesenden in Eltern und Kindern einzuteilen, in VaterMutterKind, wobei alle gleichzeitig Eltern und Kinder wären, nur sie sei die Einzige, die weder Vater noch Mutter war, sondern nur Kind… Eine Funkverständigung vom Krankenwagen, der zu einem dringenderen Fall gerufen worden war und auf Weiteres unabkömmlich war. Die Ohnmacht der Polizisten, die erst eingreifen dürfen, wenn die Kranke sich selbst oder andere in Gefahr bringt… und die Ohnmacht der Familie, dieser Frau, die doch so dringend Hilfe brauchte, nicht helfen zu können. Schließlich kniete die große Schwester vor dem Fernseher nieder und zog der Frau die Stiefel an, dann hob sie sie am Arm hoch und half ihr in die Jacke. In letzter Verzweiflung wandte sich die Kranke dann noch an Lilli, die die ganze Zeit über an dem halb abgeräumten Tisch mit den Baguettekrümeln gesessen hatte. „Kennst die Anne?“, fragte sie Lilli durchdringend, als ob sie ihr eine geheime Botschaft übermitteln wolle. „Anne – nein, ich kenne niemanden, der so heißt“, sagte Lilli, da fiel ihr ihr letzter Besuch beim Kommunionsunterricht des großen Strolches ein. „Oder meinst du die Prophetin? Anne, die Prophetin?“ „Anne, Anne, Anne“, wiederholte die Frau nur, ohne auf Lillis Antwort einzugehen. Und ein letzter Aufschrei, während ihre Schwester sie zur Tür hinaus zog (ein Polizist vorne, einer hinten, stets bemüht, die Kranke unter keinen Umständen anzufassen): „Meine Familie verstößt mich, und keiner wird je den Weg finden, denn alle haben alles vergessen“, dann wurde es wieder still im Haus. Vom Keller hallten die Jubelschreie der Kinder, die mit Autorennen und anderen virtuellen Boxkämpfen beschäftigt waren, während sich die Mutter seufzend den Pelzmantel überzog, um nach Hause zu fahren und einen Koffer mit dem Nötigsten zu packen. Den aber brauchte die Kranke gar nicht, weil für die ersten Tage in der geschlossenen Anstalt sowiese Einheitsschlafanzüge vorgeschrieben sind.
In der Zwischenzeit hatte die große Schwester Rat eingeholt, der allerdings an diesem 25. Dezember mager ausgefallen war. Psychiatrische Notaufnahme, hieß es von allen Seiten – sowohl von dem Wohnheim, in dem sie schon einmal betreut worden war, als auch von der Sozialarbeiterin und der Sekretärin der Psychiaterin, die ihr zweimal im Monat ihre Spritze verschrieb. Also Krankenwagen anrufen und die Polizei, die den Sanitätern beistehen würde, falls es nötig sei. Die Mutter der Kranken ließ sich jammernd auf einen Stuhl fallen.
Die Polizei traf als erstes ein, zwei schmucke junge Herren in dunkelblauer Uniform, die zuerst versuchten, mit der Frau zu reden, aber bald davon abließen, als diese ihnen erklärte, vor dem (ausgeschalteten) Fernseher sitzen bleiben zu wollen, da ihre Nachricht an die Nation ja bald käme. Dann fing sie an, eine Liste der Anwesenden aufzustellen, brachte aber die Namen durcheinander, strich durch, begann von Neuem und zählte mit den Fingern. Einfacher und genauso sinnvoll wäre es, meinte sie dann, einfach nur die Anwesenden in Eltern und Kindern einzuteilen, in VaterMutterKind, wobei alle gleichzeitig Eltern und Kinder wären, nur sie sei die Einzige, die weder Vater noch Mutter war, sondern nur Kind… Eine Funkverständigung vom Krankenwagen, der zu einem dringenderen Fall gerufen worden war und auf Weiteres unabkömmlich war. Die Ohnmacht der Polizisten, die erst eingreifen dürfen, wenn die Kranke sich selbst oder andere in Gefahr bringt… und die Ohnmacht der Familie, dieser Frau, die doch so dringend Hilfe brauchte, nicht helfen zu können. Schließlich kniete die große Schwester vor dem Fernseher nieder und zog der Frau die Stiefel an, dann hob sie sie am Arm hoch und half ihr in die Jacke. In letzter Verzweiflung wandte sich die Kranke dann noch an Lilli, die die ganze Zeit über an dem halb abgeräumten Tisch mit den Baguettekrümeln gesessen hatte. „Kennst die Anne?“, fragte sie Lilli durchdringend, als ob sie ihr eine geheime Botschaft übermitteln wolle. „Anne – nein, ich kenne niemanden, der so heißt“, sagte Lilli, da fiel ihr ihr letzter Besuch beim Kommunionsunterricht des großen Strolches ein. „Oder meinst du die Prophetin? Anne, die Prophetin?“ „Anne, Anne, Anne“, wiederholte die Frau nur, ohne auf Lillis Antwort einzugehen. Und ein letzter Aufschrei, während ihre Schwester sie zur Tür hinaus zog (ein Polizist vorne, einer hinten, stets bemüht, die Kranke unter keinen Umständen anzufassen): „Meine Familie verstößt mich, und keiner wird je den Weg finden, denn alle haben alles vergessen“, dann wurde es wieder still im Haus. Vom Keller hallten die Jubelschreie der Kinder, die mit Autorennen und anderen virtuellen Boxkämpfen beschäftigt waren, während sich die Mutter seufzend den Pelzmantel überzog, um nach Hause zu fahren und einen Koffer mit dem Nötigsten zu packen. Den aber brauchte die Kranke gar nicht, weil für die ersten Tage in der geschlossenen Anstalt sowiese Einheitsschlafanzüge vorgeschrieben sind.
Lilli legt los - 15. Jan, 09:48
Alles Liebe!
Wie gut
Sie können für gewöhnlich mit Wahrheit besser umgehen als mit offensichtlichem Verheimlichen...
Wenn ich alleine an das Theater denke, das meine Schwiegereltern meinten, veranstalten zu müssen, weil Das Meerschweinchen gestorben war...
(Ich weiß, kein Vergleich.)
Zurecht *schulterklopf*!
:-)