Golf-Krieg in Kanada
Der große Strolch hat liebe Freunde, von denen Lilli nicht gedacht hätte, dass sie allesamt mit Nerf-Gewehren in grellen Neonfarben ausgestattet sind. Lilli lebt mal wieder hinter dem Mond, und nur dank ihrer Kinder bekommt sie ab und zu einen Einblick in die richtige Welt, wie sie da draußen herumlungert. „Morgen Nachmittag ist Krieg auf dem Golfplatz“, sagt der große Strolch freudestrahlend am samstäglichen Frühstückstisch. „Wie, Krieg?“, fragt Lilli verständnislos zurück. Der große Strolch klärt sie auf: zwei Banden schlagen ihrer „Basis“ auf dem Golfplatz auf und versuchen, sich gegenseitig die Fahne abzujagen. Alle sind mit Nerfs ausgerüstet, und da der große Strolch so etwas nicht besitzt (aber gerne haben möchte, wie er gleich eifrig hinterherschiebt), leiht ihm einer seiner Freunde, der davon gleich zwei hat, eins aus. Lilli denkt nach. Früher hat sie auch Krieg gespielt, mit ausgedachten Waffen oder aber den Pistolen, die sonst nur an Fasching aus der Kiste genommen wurden. „Indianer und Cowboy“, nannten sie es damals, Lilli und die Jungs in ihrer Straße. Das Spiel bestand darin, von einem Grundstück zum anderen zu rennen, sich gegenseitig abzuschießen, „Du bist tot!“ zu rufen, und der Totgeschossene musste bis 10 zählen, bevor er weiterrennen durfte. So was gehört zur Kindheit dazu, beschließt Lilli und erlaubt dem großen Strolch, in den Krieg zu ziehen. Am Sonntag abend kommt er enttäuscht wieder nach Hause. „Es war doch kein Krieg“, sagt er mürrisch. „Die andere Bande war so gut versteckt, dass wir sie gar nicht gefunden haben.“ „Was habt ihr dann so lang gemacht?“, fragt Lilli neugierig, denn der städtische Golfplatz bietet ansonsten nur wenig Gelegenheit zum Spielen. „Wir haben uns selbst abgeschossen, das war auch lustig“, meint der große Strolch schon etwas munterer. „Aber?“, hakt Lilli nach. „Aber richtiger Krieg wäre besser gewesen.“
Lilli legt los - 13. Jan, 12:15
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