Lilli im Horrorkabinett

Da die Stadtverwaltung beschlossen hat, ein neues Sportzentrum zu bauen, und im Sommer schon mal forsch daran ging, das alte abzureissen, bevor überhaupt ein Bauherr für das neue Projekt gefunden ist, sucht Lillis Hausfrauengymnastik nach einer neuen Bleibe. In den letzten zwei Wochen war es Lilli deshalb beschieden, die Gemeindesäle verschiedener Kirchen zu betreten (was Lilli in ihrem vorigen Leben nur selten passiert war) und mit Erstaunen zur Kenntnis zu nehmen, dass diese allesamt in schlechtem Zustand und mit fraglichem Geschmack dekoriert sind. So hüpfen also die Damen stattlichen Alters und die drei Mädels aus Lillis Generation, wahlweise mit Schlabber-Jogginghosen und ausrangiertem T-Shirt oder enganliegenden Yogaklamotten ausgestattet, neben Plakaten, auf denen "Jeder Tag ist ein Tag in Gottes Anwesenheit" und "Blühe dort, wo Deine Wurzeln sind" steht, zum Rhythmus der Schlager der 80er Jahre, in denen Lillis Lehrerin zum ersten Mal verliebt war. Lilli sehnt sich nach der alten Sporthalle zurück, in der zwar auch der Putz von den Wänden blätterte, die aber immerhin gar nicht dekoriert war und keines der drei Übel aufwies, die Lilli als die schlimmsten Makel der neuen Ersatzturnhallen definiert hat:

1. der Geruch nach scharfen Putzmitteln, kaltem Kaffee und alten Tupperschüsseln, der dort wabert, wo Kirchengemeinderatsmitglieder und Krabbelgruppen tagen, turnen und Kekse essen.

2. der Geruch nach alten Klamotten und noch älteren Büchern, die wohltätige Vereinsmitglieder in einem fensterlosen Verschlag hinter der Bühne horten, um sie am Bazar vor Weihnachten für einen guten Zweck zu verscherbeln.

3. Spiegelwände.

Nr. 3 - OGOTTOGOTTOGOTT! - tauchte heute Morgen ganz unerwartet in einem Saal auf, der ansonsten (mit seinen grossen Fenstern und dem hübsch grün-rot kariertem Linoleumfussboden) gar nicht schlecht wäre. Eine ganze Wand, von oben bis unten mit Spiegeln beklebt, die Lilli mit einem Bild beworfen haben, auf das sie gerne verzichtet hätte. Vielleicht, wenn man die Spiegel grossflächig mit besinnlichen Plakaten überdecken könnte... denn obwohl Lilli gerne dort blühen möchte, wo ihre Wurzeln sind, ist das Zusehen dabei die reinste Folter.
tpl - 28. Sep, 12:59

ich glaub ja nicht, dass das spiegelbild an u für sich das erschreckende ist sondern die vielen schnitte durch den eigenen, gespiegelten körper - verursacht durch die stoßkanten der spiegelfliesen (o etwa nicht?)!

Lilli legt los - 29. Sep, 15:18

So viel schnipseln können die Stosskanten gar nicht, dass nicht ein Gesamteindruck von Asymmetrie durchschimmert, der weniger charmant als schlichtweg deprimierend ist. Wie kann man nur auf zwei Beinen gehen, ohne ständig umzufallen, wenn man so schief gebaut ist?

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Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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