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Laufen mit allen Sinnen

Heute regnet es so, dass Lillis Brille während des Morgenlaufs zuerst vollgetropft wurde, dann beschlug und schließlich in die Tasche gestopft werden musste. Sofort verschwamm die Umgebung zu einem impressionistischen Gemälde, das Lilli den eigenartigen Eindruck verschaffte, mitten durch Monets Seerosen hindurchzulaufen. Nicht unangenehm, wenn Lilli es auch so vorkam, als verlöre nicht nur ihr Blick, sondern auch die Realität um sie herum an Schärfe, um sich zurückzuziehen und den anderen Sinnen – Gehör, Geruch – mehr Platz zu machen. Wie die Vögel morgens schreien, seit sie zurück sind! Wie nass und schwer das Gras riecht, das erst seit kurzem intakt unter dem Schnee hervorgekrochen ist! Wie schnell die Autos, die sie nur als rote, silberne und schwarze Pinselstriche wahrnimmt, neben ihr auftauchen und mit einem „wouschschsch“ durch die Pfützen fahren! Dann verschwammen auch diese Sinneseindrücke, um eine Erinnerung an den Urlaub damals in Guadeloupe an Lillis Gehirnrinde zu projizieren: wie bunt damals all die gemieteten Peugeots auf dem Hotelparkplatz leuchteten, ganz wie eine Versammlung von Kanarienvögeln, die unbeweglich in der gleißenden Sonne saßen und ihre Kanarienvogelfarben – blau, türkis, grün, gelb – zur Schau stellten… Als Lilli wieder zu Hause ankam, hatte sie nicht den Eindruck, die gleiche Strecke wie sonst gelaufen zu sein. Sie fühlte sich nur sehr erfrischt und mit neuer Energie geladen, wie nach einer Reise, die einen für kurze Zeit aus dem Alltag reißt und mit neuen Erlebnissen anfüllt. Vielleicht sollte sie öfter ohne Brille losziehen…
yonosequepasara - 9. Apr, 11:56

Diese Art der Wahrnehmung

...mag ich, wenn ich morgens sanft aus dem Schlaf in die Gegenwart gleite (Wann war das das letzte Mal, verd...?).
Psychedelische Formen, irreguläre Perspektiven, weil die Augen weder koordiniert fokussieren noch grundsätzlich zu Schärfe fähig sind... und das Spiel damit: Mal dieses Auge, mal jenes, träges Wandern der Augen unter Beibehaltung dieses schrägen Blicks...

Nur: Irgendwann normalisiert sich alles, und der Kleiderkasten sieht einfach nur wie der Kleiderkasten aus - ohne Brille.

Lilli legt los - 9. Apr, 12:46

Ach ja,

Europäer haben ja Schränke, das hätt ich beinah vergessen.

Wenn ich ohne Brille durch's Haus gehe, ist das Gute daran, dass ich den Staub viel weniger wahrnehme.
yonosequepasara - 9. Apr, 17:46

Und was haben die Kanadier? Pappschachteln?
;-)
Lilli legt los - 10. Apr, 17:23

Walk-ins natürlich!

Aus den Augen, aus dem Sinn. Das Zimmer wird durch so einen begehbaren Kleiderschrank natürlich entsprechend kleiner, aber die Kinder können prima Verstecken darin spielen...

Über Lilli

In Süddeutschland geboren und aufgewachsen, nach dem Studium nach Kanada ausgewandert, lebt und liebt Lilli seit zehn Jahren in einem Vorort von Montréal. Sie verdient ihr Brot mit Übersetzungen, die Butter dazu mit Texten aus ihrer Feder und die volle Anerkennung ihres Mannes dafür, zwei Strolche fast immer liebevoll auf ihrem Werdegang zu begleiten.

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Zuletzt aktualisiert: 23. Dez, 18:00

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