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Kann denn die Kinder keiner lehren,

wie man schreibt? Der große Strolch ist jetzt in der fünften Klasse und soll nicht etwa einen Aufsatz über seine schönsten Ferienerlebnisse verfassen (so richtig, wie Lilli das früher gelernt hat, mit einer Einleitung, Absätzen, womöglich einem Höhepunkt und einem Schluss), denn das wäre ja langweilig und hinterwäldlerisch. Dabei hätten er und die meisten Mitschüler seiner Klasse es durchaus nötig, die fehlerfreie Produktion von kompletten, sich elegant aneinander anfügenden Sätzen zu üben, denn schon das Unterschreiben einer Bedanke-mich-Karte für den Fußballtrainer ging vor kurzem nicht ohne zum Himmel schreiende Fehler vonstatten. Nein, stattdessen soll er eine Powerpoint-Präsentation machen, die visuell ansprechend, sprachlich aber auf einem Minimum gehalten werden soll. Nur Bildunterschriften, keine ganzen Sätze! Wer es wagt, ein Verb zu konjugieren, bekommt Abzug! Lilli kann gar nicht die Augenbrauen weit genug nach oben ziehen, so abartig findet sie diese Hausaufgabe. „Habt ihr denn schon gelernt, wie man Powerpoint benutzt?“, fragt sie argwöhnisch. „Nein“, antwortet der große Strolch fröhlich, „das musst du mir zeigen.“ Lilli kommt sich ausgenutzt vor und nimmt sich vor, dieser Lehrerin demnächst einmal diskret zu verstehen zu geben, dass sie nicht vorhat, ihr den Job wegzunehmen. Dann aber macht sie gute Miene zum bösen Spiel und setzt sich mit dem Strolch vor den Bildschirm. Und hat letztendlich so viel Spaß an diesem Projekt, dass sie es direkt bedauert, bei der Präsentation in der Schule nicht dabei sein zu dürfen…
muellerto - 10. Sep, 01:06

Was machen denn die, die kein PowerPoint zu Hause haben? Gibt's das denn? (OK, der muss vielleicht eine Folge von Papierblättern machen ...)

Eine Fähigkeit von Belang ist es allerdings, auf Papier oder meinetwegen an einer Wandtafel vor den Augen anderer während freier Rede ein Tafelbild zu entwickeln, dem man später noch etwas entnehmen kann. Das Werkzeug: ein Stück Kreide. Das können selbst Lehrer oft nicht.

Lilli legt los - 10. Sep, 09:42

Das gibt's bestimmt...

oder auch Eltern, die keine Zeit haben, sich mit den Kindern an den Computer zu setzen. Diese Kinder müssen das Projekt dann in der Schule machen und werden dafür womöglich schief angesehen. Da fängt die Ungerechtigkeit des Schulsystems schon an - es hat nun mal nicht jeder die gleiche Ausgangsposition und deshalb auch nicht die gleichen Erfolgschancen. Bedauerlich, sehr bedauerlich...

Und was die freie Rede angeht: klar ist das wichtig und wird oft unterschätzt - aber diese Kinder können noch nicht mal richtig schreiben! Bevor andere Fähigkeiten entwickelt werden (nein, transversale Kompetenzen nennt man das hier), sollten sie doch als GRUNDLAGE die Sprache als Werkzeug fehlerlos beherrschen! Oder wie soll jemand, der zwei linke Beine hat, Tango tanzen können???

Über Lilli

In Süddeutschland geboren und aufgewachsen, nach dem Studium nach Kanada ausgewandert, lebt und liebt Lilli seit zehn Jahren in einem Vorort von Montréal. Sie verdient ihr Brot mit Übersetzungen, die Butter dazu mit Texten aus ihrer Feder und die volle Anerkennung ihres Mannes dafür, zwei Strolche fast immer liebevoll auf ihrem Werdegang zu begleiten.

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Zuletzt aktualisiert: 23. Dez, 18:00

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