Jetzt oder nie? Oder später?

Lilli hat zwei Freundinnen, die zu Lillis Problem (Monsieur arbeitet zu viel und hat keine Zeit für Lilli) ganz gegensätzliche Lösungsvorschläge präsentierten:

Freundin 1 ist der Meinung, dass man seine Beziehung ruhig eine Weile aufs Eis legen kann, da später (sprich, wenn die Kinder groß sind und eh nichts mehr vom Familienleben wissen möchten) dafür wieder mehr Zeit sein wird. Sie geht davon aus, dass die Eltern sich auf ihr momentanes Projekt des Karrieremachens und Kinder-Großziehens konzentrieren können und die Paarbeziehung solange latent weiterbesteht, bis man sich von den vollen Windeln, den Hausaufgaben und dem Fußballtraining wieder losgestrampelt hat. Sprich: die Beziehung als Gummibaum, der genügsam in der Ecke steht und nur alle zwei Jahre ein wenig gewässert werden muss.

Freundin 2 ist der Meinung, dass eine Beziehung ein verdammt kurzes Haltbarkeitsdatum hat, wenn man sich nicht ab und zu darum kümmert, sie wässert und düngt und verwelkte Blätter abzupft und all so was. Wenn es nach ihr ginge, müsste ein Paar sich immer wieder – trotz Kinder – Zeit nehmen, um zu zweit Dinge zu erleben, die romantischer sind als, sagen wir mal, das Erstellen der gemeinsamen Steuererklärung oder der Kauf eines neuen Trockners. Die Beziehung als anfällige Primel also, die bei ständigen Luftzügen schnell den Kopf hängen lässt.

Und Lilli? Lilli versteht Freundin 1 mit dem Kopf, fühlt aber eher so wie Freundin 2 und verabscheut es gleichzeitig, in Selbstmitleid zu waten. Sie beißt die Zähne zusammen, was ihr eine leicht säuerliche Miene beschert, die wiederum gar nicht anziehend wirkt auf Monsieur, wenn er abends um halb zehn mit zwei Aktenkoffern beladen zur Haustür hereintaumelt. Die Frage bleibt ungeklärt: kann man (darf man) sein Leben auf später verschieben? Wie kann man überhaupt später wieder mehr Zeit haben, wenn die Zeit doch immer weniger wird? Und weiß jemand verbindlich, wann später anfängt?
diekolumnistin - 1. Jul, 03:32

Beide Möglichkeiten haben was - aber eine Beziehung für eine gewisse Zeit komplett auf Eis legen?
Gibts nicht die Möglichkeit, alle zwei Wochen einen Abend zu vereinbaren, der nur euch gehört, ohne Kinder? Babysitter engagieren und ab zum Dinner, ins Kino, Theater? Nur zweimal im Monat? Das ist ja schon wenig, aber besser als gar nichts ....

Lilli legt los - 1. Jul, 13:10

Unsere Strategie

ist es, tatsächlich etwa einmal im Monat zu zweit wegzugehen - mehr ist nicht drin, aber es ist dies der kleine Funke, der das Feuer immer wieder anfacht. Dabei organisieren wir abwechselnd das Programm, was dem Ganzen einen zusätzlichen Reiz gibt, aber davon ein andermal mehr! Trotzdem - für mich ist das zuwenig "normale" Gemeinsamkeit, ich hätte auch manchmal gern jemanden, der mit mir abends fernsieht und Schokolade isst, und womöglich noch beim Abwasch hilft...
danignom - 1. Jul, 16:44

Ich lese nun schon eine Weile fleißig hier mit, quasi als Zaungast aus dem Schwabenland ;-) und nun muss ich doch mal meinen Senf dazugeben:

Ich hätte da Angst, dass das "Wohnlfühlen" aufhört - und stimme eher Freundin 2 zu... Man muss doch trotz allem noch das Gefühl haben etwas Besonderes zu sein, auch wenn Arbeit und Kinder einem viel Zeit in der Beziehung wegnehmen. Erlebnisse zu zweit sind wichtig und sollten nicht hintenanstehen. Ich kenne das nur so, dass die Beziehung dann zur Nebensache wird und irgendwann im Sand verläuft - ich bezweifele, dass man sie dann nach einer Zeit wieder reaktivieren und "neu" anfangen kann. Nicht wenn sich über die Zeit Frust aufgestaut hat und man irgendwie schon alleine lebt, unter einem Dach mit dem anderen.

Immer nur zurückstecken ist da nicht der richtige Weg...
Aber eben, was tun? Dass der liebe Mann von jetzt auf nachher kürzer tritt und man mehr Zeit findet, ist ja nicht realistisch und das Leben nicht in einer Entscheidung umstrukturiert.

*seufz*
Dumme Zwickmühle, das.

Vielleicht zusammen laufen gehen? ;-)

Lilli legt los - 2. Jul, 10:07

Laufen als Allheilmittel

Guter Vorschlag, das Zusammen-laufen-gehen, und letztes Jahr im Urlaub haben wir das auch geschafft. Und auch der Kommentar "das Gefühl haben, etwas Besonderes zu sein" bringt auf den Punkt, was eine Beziehung bieten sollte: zumindest das Gefühl, ein ganzer Mensch zu sein und nicht "nur" Mutter der Kinder und Wäschefee (oder gibt es Männer, die nicht mehr an die Wäschefee glauben, die die schmutzige Wäschehaufen in saubere Stapel verwandelt?). Wie oft muss man das aber bestätigt bekommen, dieses besondere Gefühl? Ich meine schon auch, wenigstens ab und zu und nicht erst wieder, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind.

Weiter viel Spass beim Mitlesen!
Lilli
Nielsson - 3. Jul, 09:37

Ich bin zwar (leider?) kein Weiser, aber ich glaube dennoch, dass man Leben und Liebe nicht auf später verschieben kann und auch nicht sollte.

Lilli legt los - 3. Jul, 10:07

Nuance

Dein Kommentar bringt mich auf etwas: die Frage muss lauten, darf man seine Beziehung auf später verschieben (und nicht das "Leben"), weil das Leben im Moment mit allerlei anderen Sachen angefüllt ist, die alle auf ihre Weise wichtig sind - z.B. Kinder umsorgen, sich im Beruf behaupten usw. Im Prinzip sollte man gar nichts auf später verschieben, da man genausogut heute nachmittag von einem Bagger überfahren werden kann, aber da man nun mal Kinder hat und auch wollte, muss man auch arbeiten, um ihnen den Fussballverein und die Zahnspangen bezahlen zu können, und dann gibt es noch die Reisen, die für Kinder so bereichernd sind, und Gitarrestunden wollen sie auch noch... Da ist es manchmal verlockend, sich eine Prioritätenliste zu machen und die Pflege der Beziehung noch hinter das Jäten der Blumenbeete zu stellen.
Nielsson - 3. Jul, 14:11

Mein Nachbar hat sich - vor einigen Monaten - einen großen Geländewagen gekauft. Zumindest für deutsche Verhältnisse groß: frisst 10 Liter Diesel...
Aufs neue Auto angesprochen ging er sofort in Verteidigungshaltung und meinte: Jetzt könne er an sowas noch Freude haben, wenn er älter ist (und mehr Geld hat?), kann er es vielleicht nicht mehr so genießen.

Nun finde ich "Genießen mit Auto" ziemlich verfehlt, aber der Grundgedanke ist interessant: Lebe jetzt auf Pump und verdiene später.

Und du stellst die Frage genau andersrum: Soll ich jetzt verdienen und später eine Beziehung haben?

Wie immer liegt die Wahrheit aber sicherlich dazwischen. :-)
Lilli legt los - 3. Jul, 22:12

Es geht ja nicht ums Geld,

lieber Nielsson, zumindest nicht vorrangig, obwohl das Bedürfnis, finanziell in etwa abgesichert zu sein, mit der Geburt eines Kindes ziemlich steil ansteigt - weil man ja plötzlich nicht nur für sich selbst verantwortlich ist, sondern auch für dieses kleine Wurm. Es geht darum, dass man manchmal vor lauter Alltag vergisst, sich darauf zu besinnen, mit wem man da eigentlich den Alltag verbringt. Dass man sich so von momentanen Dringlichkeiten vereinnahmen lässt, dass man alles andere ausblendet. Da werden Frauen dann zu "Nur-Müttern", die tagelang mit Spuren von Apfelbrei auf der Schulter rumlaufen, und Männer zu Arbeitstieren, die den Druck spüren, für die ganze Familie verdienen zu müssen. Wie lange jeder Einzelne diesen Zustand aushalten kann, ist unterschiedlich...

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Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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