Der Frachter also. Er fuhr von Montréal nach St. John's und brauchte dafür 3 Nächte und zwei Tage. Das Schöne daran war die Ruhe. Wie so ein grosses Schiff ruhig und gleichmässig über das Wasser gleitet, nicht allzu eilig - vielleicht 15 Knoten, sonst braucht man zuviel Brennstoff - und kein anderer Laut zu hören ist: kein Verkehr, keine Heckenschneider, keine Müllabfuhr, noch nicht mal ein Vogel. Auf der Brücke, auf der sich meist nur zwei Offiziere gleichzeitig aufhielten, nur Geflüster und ab und zu das Plätschern der Kaffeemaschine. Majestätisch auch, denn so ein Frachter ist ein Riese. Er hat vielleicht 250 Container geladen, dazu über 100 nagelneue Autos mit steckenden Schlüsseln (sehr verführerisch, aber es hat ja überall Kameras), Laster, dazu rollenweise Maschendrahtzaun, Gipsplatten und überhaut alles, was Neufundländer so brauchen und auf ihrer Insel nicht finden können.
Mit der Ruhe kommt auch die Gelassenheit, vor allem für die Passagiere, aber auch die Besatzung scheint nicht vor Stress aus dem Helm zu kippen. Das heisst nicht, dass sie nicht hart arbeiten, oh nein! Aber ohne diese Hetze und das Gefühl, nicht alles schaffen zu können, was von einem verlangt wird, und das diesen Knoten im Bauch schafft. Das kommt vielleicht auch daher, dass alles auf dem Schiff so schön aufgeräumt ist. Hier liegt nichts rum, hier sind die Karten numeriert in einer Schublade unter dem Tisch mit der kleinen Lampe, hier haben die Fahnen ihre Fächer und die Werkzeuge ihren Haken. Hier kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren - entgegenkommende Schiffe, Eisberge, aufziehende Stürme, vorbeiziehende Bojen. Nichts anderes trübt das Gesichtsfeld und bald auch nicht mehr den Sinn.
Riesig ist so ein Schiff, um es noch einmal zu sagen, und so sieht es seltsamerweise von hinten aus:
In Geographie war Lilli noch nie gut, aber jetzt weiss sie, wo Anticosti liegt und die Magdaleneninseln - und da der Frachter genau mitten durch gefahren ist, hat sie weder die eine noch die andere gesehen. Dafür hat sie Frankreich erblickt, oder besser Saint-Pierre-et-Miquelon, das doch tatsächlich an die 6000 Franzosen beherbergt.
Die Ankunft in St. John's wäre noch spektakulärer gewesen, hätte die Sonne sich schon blicken lassen. So war es aber 4 Uhr 30 nach der Schiffsuhr (6 Uhr in St. John's) und relativ dunkel. Trotzdem war auf der Brücke viel los, da es geradezu spektakulär war, mit anzusehen, wie der Kapitän das Schiff erst durch die schmale Einfahrt der Bucht lenkt (die nicht umsonst "The Narrows" heisst), dann im Hafenbecken eine Drehung um 180 Grad beschreibt und anschliessend rückwärtsfahrend an der Kaimauer anlegt, ohne auch nur ein einziges Mal bremsen zu müssen. Als das Schiff endlich stillsteht, sind noch genau 5 Fuss zwischen dem Heck des Schiffes und der Kaimauer. Lilli ist beeindruckt, wenn ihr auch schlecht ist wie nach der Achterbahn, was nicht am Manöver des Kapitäns liegt, sondern an dem strammen Nordwind, der sie die letzten fünf Stunden vor der Ankunft in St. John's durchgeschüttelt hat.
Als die Sonne endlich aufgeht, wird Lilli mit dieser Farbenpracht belohnt. Es war eine herrliche Reise...
