Sonntag, 19. Oktober 2014

Eine Hockeykarriere

Die Altersklassen beim Eishockey haben seltsame Namen: Atome, Pee-Wee, Bantam und schlieslich Midget. Von klein auf umfassen diese Altersklassen immer zwei Jahrgänge, bis die Spieler 15 sind und mit 16- und 17jährigen in der Midget-Stufe spielen. Genau dort ist der grosse Strolch in dieser Saison angekommen und stellt fest:
1. Ab Midget duscht man nach dem Training. Warum? Weil man hinterher noch irgendwo hin geht, zur Freundin, ins Kino, zu Starbucks...
2. Ab Midget gehen kaum mehr Eltern mit als Zuschauer. Warum? Wer 16 ist, kann oft schon selbst Auto fahren.
3. Ab Midget gibt es oft mehr Strafminuten, als das Spiel dauert. Die Hormone...
3. Ab Midget näht man seinen Familiennamen nicht mehr aufs Trikot. Ist uncool. Zum Glück erkennt Lilli den grossen Strolch auch ohne Namen, so typisch ist sein Stil. "Und eine Nummer hat er auch", sagt Monsieur. Ja, das hilft.

Samstag, 18. Oktober 2014

Lilli auf dem Frachter

Der Frachter also. Er fuhr von Montréal nach St. John's und brauchte dafür 3 Nächte und zwei Tage. Das Schöne daran war die Ruhe. Wie so ein grosses Schiff ruhig und gleichmässig über das Wasser gleitet, nicht allzu eilig - vielleicht 15 Knoten, sonst braucht man zuviel Brennstoff - und kein anderer Laut zu hören ist: kein Verkehr, keine Heckenschneider, keine Müllabfuhr, noch nicht mal ein Vogel. Auf der Brücke, auf der sich meist nur zwei Offiziere gleichzeitig aufhielten, nur Geflüster und ab und zu das Plätschern der Kaffeemaschine. Majestätisch auch, denn so ein Frachter ist ein Riese. Er hat vielleicht 250 Container geladen, dazu über 100 nagelneue Autos mit steckenden Schlüsseln (sehr verführerisch, aber es hat ja überall Kameras), Laster, dazu rollenweise Maschendrahtzaun, Gipsplatten und überhaut alles, was Neufundländer so brauchen und auf ihrer Insel nicht finden können.

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Mit der Ruhe kommt auch die Gelassenheit, vor allem für die Passagiere, aber auch die Besatzung scheint nicht vor Stress aus dem Helm zu kippen. Das heisst nicht, dass sie nicht hart arbeiten, oh nein! Aber ohne diese Hetze und das Gefühl, nicht alles schaffen zu können, was von einem verlangt wird, und das diesen Knoten im Bauch schafft. Das kommt vielleicht auch daher, dass alles auf dem Schiff so schön aufgeräumt ist. Hier liegt nichts rum, hier sind die Karten numeriert in einer Schublade unter dem Tisch mit der kleinen Lampe, hier haben die Fahnen ihre Fächer und die Werkzeuge ihren Haken. Hier kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren - entgegenkommende Schiffe, Eisberge, aufziehende Stürme, vorbeiziehende Bojen. Nichts anderes trübt das Gesichtsfeld und bald auch nicht mehr den Sinn.

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Riesig ist so ein Schiff, um es noch einmal zu sagen, und so sieht es seltsamerweise von hinten aus:

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In Geographie war Lilli noch nie gut, aber jetzt weiss sie, wo Anticosti liegt und die Magdaleneninseln - und da der Frachter genau mitten durch gefahren ist, hat sie weder die eine noch die andere gesehen. Dafür hat sie Frankreich erblickt, oder besser Saint-Pierre-et-Miquelon, das doch tatsächlich an die 6000 Franzosen beherbergt.

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Die Ankunft in St. John's wäre noch spektakulärer gewesen, hätte die Sonne sich schon blicken lassen. So war es aber 4 Uhr 30 nach der Schiffsuhr (6 Uhr in St. John's) und relativ dunkel. Trotzdem war auf der Brücke viel los, da es geradezu spektakulär war, mit anzusehen, wie der Kapitän das Schiff erst durch die schmale Einfahrt der Bucht lenkt (die nicht umsonst "The Narrows" heisst), dann im Hafenbecken eine Drehung um 180 Grad beschreibt und anschliessend rückwärtsfahrend an der Kaimauer anlegt, ohne auch nur ein einziges Mal bremsen zu müssen. Als das Schiff endlich stillsteht, sind noch genau 5 Fuss zwischen dem Heck des Schiffes und der Kaimauer. Lilli ist beeindruckt, wenn ihr auch schlecht ist wie nach der Achterbahn, was nicht am Manöver des Kapitäns liegt, sondern an dem strammen Nordwind, der sie die letzten fünf Stunden vor der Ankunft in St. John's durchgeschüttelt hat.

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Als die Sonne endlich aufgeht, wird Lilli mit dieser Farbenpracht belohnt. Es war eine herrliche Reise...

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Dienstag, 14. Oktober 2014

Ein nicht ganz alltäglicher Spaziergang

Lilli hätte nicht gedacht, mal hoch über der Bucht von St. John's in Neufundland spazierenzugehen. Und diese karge Landschaft auch noch richtig schön zu finden. Ganz abgesehen natürlich von den lustigen bunten Häusern, die dem Wind trotzen und wahrscheinlich so bunt sind, damit die Leute dort im November nicht ganz den Mut verlieren.

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Donnerstag, 9. Oktober 2014

Lilli auf der Baustelle

Lilli ist jetzt stolze Besitzerin von Sicherheitsstiefeln. Eigentlich liebäugelt sie ja schon seit ein paar Wochen mit kurzen schwarzen Hosenstiefeln, aber dringender brauchte sie dieses Paar braune, klobige, mit Stahlkappe ausgestatteten Baustellenstiefel. Sowas ist nämlich Vorschrift, um auf einem Frachtschiff herumspazieren zu dürfen, und genau das hat sie am Wochenende vor. Helm und Sicherheitsbrille werden zum Gluck gestellt. Ein grosses Lob an die Internetseite des Ausstatters, der seine Stiefelmodelle mit Bild und Preis anbietet und einem sogar in Echtzeit sagt, ob die gewünschte Grösse im Laden erhältlich ist.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Nur so am Rande

Was ergänzt Google, wenn man "doppelt so" in die Suchmaske eingibt? "Doppelt so kalt wie 0 Grad." Wer googelt sowas, und warum? Und wie kalt ist das nun eigentlich?

Wie im Drehbuch

Es ist interessant, mal aus dem gewohnten Lebensrhythmus auszubrechen und festzustellen, dass es andere Leute anders machen. So stand Lilli gestern um 4 Uhr 30 auf, ging um 5 Uhr 30 zum Bus und fand diesen tatsächlich schon gut besetzt mit stillen Leuten, die ihre Vespertasche umklammernd zur Metrostation fuhren, um sich dort mit anderen stillen Leuten von der Metro verschlucken und später wieder in der Innenstadt ausspucken zu lassen. Dass es Leute gibt, die jeden Tag so früh aufstehen! Andererseits sind die natürlich um halb drei nachmittags fertig, wenn Lilli gerade ihr Verdauungstief hat und in der Schreibtischschublade nach einer alten Toblerone kramt. Und gehen ins Bett, wenn Lilli gerade die Spülmaschine einräumt und sich danach zu den Nachrichten aufs Sofa plumpsen lässt. In ihrem normalen Leben begegnet Lilli diesen Leuten somit niemals - als ob sie in verschiedenen Zeitblasen lebten, die einander nicht berühren, obwohl sie geografisch am gleichen Ort hängen. Bis auf diesen einen Tag, an dem Lilli eine besondere Mission erhielt... Fast kommt sie sich vor wie in einem Science-Fiction-Film.

Doppelt ist nur halb so gut

Lilli hat ein ungutes, schleichendes Gefühl. Neulich hat es sich eingestellt, als sie sich - wahrscheinlich aufgrund der etwas verfilzten Ohren, aber das ist ja nichts Neues im Land der Mittelohrentzündungen - selbst wie aus der Ferne zuhörte: "Der sagt immer alles doppelt, das ist nervig. Wir sind doch hier nicht bei den Teletubbies!", regte sich Lilli über einen allzu wortreichen Fernsehmoderator auf. "Hör dem mal zu! Der muss immer alles zweimal sagen, als würden wir ihn auf Anhieb nicht verstehen." Genau in diesem Moment schlich sich das unangenehme Gefühl an, so im Hinterherhorchen der eigenen Worte und im Echo des Gesagten. Denn Lilli hatte ja auch zweimal das Gleiche gesagt, oder nicht? Seither spioniert sie hinter sich her, hört sich beim Erzählen zu und ahnt das, was nicht sein darf: sie ist eine ganz, ganz miese Erzählerin, die dick auftragen, wiederholen und mehrfach umschreiben zu müssen glaubt, weil sonst die Pointe nicht richtig rüberkommt. Und sie damit wahrscheinlich massakriert, anstatt sie elfengleich leichtfüssig im Gesprächsraum tanzen zu lassen. Keiner hatte sie bisher darauf aufmerksam gemacht. Keine einzige Menschenseele hat sich bisher darüber beschwert, aber insgeheim seufzen sie bestimmt alle und ringen nach Geduld, wenn Lilli mal wieder einen ihrer Kommentare zweifach zum Besten gibt. Inzwischen hat Lilli Erzählparanoia und bricht Anekdoten und Kommentare vorzeitig ab, um ja nicht als labernder Zwangswiederholer zu gelten. Nicht wie dieser Fernsehmoderator! Lustiger oder treffender hören sich ihre Pointen deshalb aber nicht an, eher stockend oder mit falschem Timing auf dem Bauch landend wie ein rhethorischer Pinguin, der unelegant über die eigenen Füsse fällt, wenn der Boden nicht ganz eben ist. Eben!

Samstag, 4. Oktober 2014

Für die Katz

"Ven aqui", ruft Lillis Kollegin der Katze zu, die draussen auf dem Balkon steht, "ven aqui, gatito!" Seit sie bei ihrem kolumbianischen Freund und dessen zwei Töchtern wohnt, muss sie ganz schnell spanisch lernen, um von der Hauskatze verstanden zu werden. Die reagiert nämlich nur auf spanisch, nicht auf französisch. Lilli googelt "Zweisprachigkeit bei Katzen" und findet - nichts. Scheint es nicht zu geben...

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Wie man einen Zeichenkurs massakriert

Am Wochenende waren Lilli und Monsieur zum ersten Mal im Zeichenkurs. Der Lehrer schaut hauptsächlich auf den Boden, lächelt nicht und macht generell den Eindruck, dass er lieber woanders wäre als hier in diesem Altersheim mit diesem Anfängerkurs. Ja, die Kunstschule mietet zwei Räume in einem Altersheim, was im Prinzip eine gute Idee ist, da sowohl das Altersheim sich dadurch eine neue Kundschaft erschliesst, die im Eingangsbereich sitzenden Insassen was zum Gucken haben und die Kurse in einem garantiert ruhigen Ambiente vonstatten gehen. "Dies ist ein Bleistift", sagt der Lehrer gelangweilt und hält einen Bleistift hoch, damit alle Schüler ihn gut sehen können. "Dies ist ein Rötelstift. Rötel macht man aus Schweineblut", sagt er. "Das ist Kohle, aber damit werden Sie nicht zeichnen wollen. Kohle ist ein unangenehmes Medium, es schmutzt sehr", sagt er. Lilli und Monsieur sehen sich ungläubig an. Lilli hatte sich eher einen mitreissenden Lehrer vorgestellt, der den Schülern so richtig Lust macht, jetzt sofort mächtig kreativ zu werden. Stattdessen kramt er lange in den Schränken herum, bevor er ihnen eine Bumenvase mit einer Stofftulpe auf den Tisch stellt, die alle jetzt zeichnen sollen. "Stillleben bestehen hauptsächlich aus Obst und Geschirr", sagt er, "deshalb ist es wichtig, Ellipsen zeichnen zu können." Als er zu Lilli kommt, schüttelt er angesichts ihrer Bemühungen traurig den Kopf. "Die Blume ist nicht ganz falsch, aber die Vase...". Er nimmt den Radiergummi und rubbelt auf ihrem Blatt herum. "So ist es nicht mehr ganz so schlimm", sagt er. Lilli findet ihr Bild nicht ganz so schlecht für den Anfang. Den Lehrer aber, den findet sie ganz schlimm.

Sonntag, 28. September 2014

Lilli auf Erkundungstour

In zwei Wochen fährt Lilli mit einem Frachtschiff nach Neufundland. Warum? Weil es sich so angeboten hatte und weil Monsieur immer noch an seinem Traum rummacht, dort eine Stelle anzunehmen. Da muss Lilli doch vorher mal sehen, wie es dort aussieht. Obwohl es morgen in Montréal 27 Grad warm werden soll, legt sie schon mal ihre Winterjacke, einen Stapel Bücher und ihr Strickzeug zurecht. Auf so einem Frachter wird es ja wohl sonst nicht viel zu tun geben.

Lilli und Brian Ferry

Gestern war Lilli in einem Konzert von Brian Ferry. Eine Idee von Monsieur, und keine gute noch dazu. Wie alt ist der Mann jetzt? Fast 70, und dementsprechend zerbrechlich sah er aus. Er sang seine alten Hits, die anders klangen als früher, weil laut Monsieur im Alter die Stimme tiefer wird. Aufgemöbelt wurde sein Gesang durch eine sympathische Schar von Musikern, die durchweg seine Enkel hätten sein können, und ein paar hübsche Lichteffekte. In Lillis Ohren dröhnte es, während die grauhaarigen Nachbarn links, rechts, vorne und hinten rhythmisch mit dem Kopf wackelten und pfeifend und johlend ihre Begeisterung kundtaten. Warum muss das Ganze nur so laut sein? Warum singt der Mann nicht mal was Neues, das besser für seine Stimme geeignet wäre? Warum singt er überhaupt noch? Lilli kam sich einsam vor und nicht normal.

Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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Zuletzt aktualisiert: 19. Okt, 18:18

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