Mittwoch, 1. Oktober 2014

Wie man einen Zeichenkurs massakriert

Am Wochenende waren Lilli und Monsieur zum ersten Mal im Zeichenkurs. Der Lehrer schaut hauptsächlich auf den Boden, lächelt nicht und macht generell den Eindruck, dass er lieber woanders wäre als hier in diesem Altersheim mit diesem Anfängerkurs. Ja, die Kunstschule mietet zwei Räume in einem Altersheim, was im Prinzip eine gute Idee ist, da sowohl das Altersheim sich dadurch eine neue Kundschaft erschliesst, die im Eingangsbereich sitzenden Insassen was zum Gucken haben und die Kurse in einem garantiert ruhigen Ambiente vonstatten gehen. "Dies ist ein Bleistift", sagt der Lehrer gelangweilt und hält einen Bleistift hoch, damit alle Schüler ihn gut sehen können. "Dies ist ein Rötelstift. Rötel macht man aus Schweineblut", sagt er. "Das ist Kohle, aber damit werden Sie nicht zeichnen wollen. Kohle ist ein unangenehmes Medium, es schmutzt sehr", sagt er. Lilli und Monsieur sehen sich ungläubig an. Lilli hatte sich eher einen mitreissenden Lehrer vorgestellt, der den Schülern so richtig Lust macht, jetzt sofort mächtig kreativ zu werden. Stattdessen kramt er lange in den Schränken herum, bevor er ihnen eine Bumenvase mit einer Stofftulpe auf den Tisch stellt, die alle jetzt zeichnen sollen. "Stillleben bestehen hauptsächlich aus Obst und Geschirr", sagt er, "deshalb ist es wichtig, Ellipsen zeichnen zu können." Als er zu Lilli kommt, schüttelt er angesichts ihrer Bemühungen traurig den Kopf. "Die Blume ist nicht ganz falsch, aber die Vase...". Er nimmt den Radiergummi und rubbelt auf ihrem Blatt herum. "So ist es nicht mehr ganz so schlimm", sagt er. Lilli findet ihr Bild nicht ganz so schlecht für den Anfang. Den Lehrer aber, den findet sie ganz schlimm.

Sonntag, 28. September 2014

Lilli auf Erkundungstour

In zwei Wochen fährt Lilli mit einem Frachtschiff nach Neufundland. Warum? Weil es sich so angeboten hatte und weil Monsieur immer noch an seinem Traum rummacht, dort eine Stelle anzunehmen. Da muss Lilli doch vorher mal sehen, wie es dort aussieht. Obwohl es morgen in Montréal 27 Grad warm werden soll, legt sie schon mal ihre Winterjacke, einen Stapel Bücher und ihr Strickzeug zurecht. Auf so einem Frachter wird es ja wohl sonst nicht viel zu tun geben.

Lilli und Brian Ferry

Gestern war Lilli in einem Konzert von Brian Ferry. Eine Idee von Monsieur, und keine gute noch dazu. Wie alt ist der Mann jetzt? Fast 70, und dementsprechend zerbrechlich sah er aus. Er sang seine alten Hits, die anders klangen als früher, weil laut Monsieur im Alter die Stimme tiefer wird. Aufgemöbelt wurde sein Gesang durch eine sympathische Schar von Musikern, die durchweg seine Enkel hätten sein können, und ein paar hübsche Lichteffekte. In Lillis Ohren dröhnte es, während die grauhaarigen Nachbarn links, rechts, vorne und hinten rhythmisch mit dem Kopf wackelten und pfeifend und johlend ihre Begeisterung kundtaten. Warum muss das Ganze nur so laut sein? Warum singt der Mann nicht mal was Neues, das besser für seine Stimme geeignet wäre? Warum singt er überhaupt noch? Lilli kam sich einsam vor und nicht normal.

Mittwoch, 24. September 2014

Alles schwimmt

Seit Lilli im Büro ein neues Projekt hat, kommt sie sich vor wie im Schwimmbad. Sie rudert mit den Armen, um den Kopf über Wasser zu halten, und rührt dabei in einer Unmenge von Dokumenten, die sie alle lesen und verstehen muss, bevor sie überhaupt mit Arbeiten anfangen kann. So gerne Lilli auch schwimmt - im Job ist es kein gutes Gefühl.

Montag, 22. September 2014

In Chemie war Lilli noch nie gut

Die "Zeit der Gemeinsamkeit" wird immer weniger. Lange war es so, dass Lilli, Monsieur und die Strolche sonntags was gemeinsam unternahmen. Unter der Woche hat ja jeder so seine Aktivitäten und Hausaufgaben noch dazu, samstags haben die Freunde Vorrang, aber sonntags! Sonntags sollte keiner Verabredungen treffen, damit alle zusammen einen Fahrradausflug oder Schwimmbadbesuch machen konnten. Wenn Lilli Gluck hatte, ging es in ein Museum, wenn sie Pech hatte, musste die Schwiegerfamilie besucht oder die Hecke geschnitten werden, aber immerhin machten sie was zusammen. Der kleine Strolch nannte das die "Atomfamilie" (la famille atomique) und verfehlte damit nur knapp den korrekten Ausdruck "Kernfamilie" (la famille nucléaire). Seit einiger Zeit aber klappt das nicht mehr. Die Strolche haben Hausaufgaben und ansonsten generell keine Lust, was mit den Eltern zu unternehmen, und auch Monsieur schiebt Arbeit vor, um diese dann mit dem Laptop auf den Knien vor dem Fernseher und seinem unendlichen Sportangebot zu erledigen. Gestern war Lilli mit dem kleinen Strolch Schuhe kaufen, und als sie hinterher vorschlug, noch im Park spazieren zu gehen, meinte er, dass ja schon das Schuhekaufen als gemeinsame Aktivität zählte und er sich somit seiner sonntäglichen Pflichten entledigt hätte. Am Sonntag zuvor war Lilli mit den Strolchen in der Ausstellung über Höhlenmalerei und fühlte sich geradezu verpflichtet, sich bei den Strolchen für ihre Begleitung zu bedanken. Wenn ihre Eltern sie DAMALS in so eine Ausstellung mitgenommen hätten...

Das langsame Aussterben der gemeinsamen Zeit festzustellen ist eine Sache, eine ganz andere ist es, damit umzugehen. Lilli fragt sich: verlangt sie zuviel von ihren pubertierenden Söhnen? Ist sie ihnen ein Klotz am Bein, erdrückt sie sie mit ihren Forderungen nach mehr Familienzeit? Oder darf sie es noch, weil es zwar ganz normal ist, dass Jugendliche ihre Familie lästig finden, es ihnen aber trotzdem guttut, zwanglose Freizeit mit Mama und Papa zu verbringen? Denn um freie Zeit geht es hier ja, um ein paar entspannte Momente, die man zusammen verbringt und die anders sind als die Begegnungen unter der Woche, bei denen unterschwellig Spannungen bestehen, die durch unaufgeräumte Zimmer, Trödeln oder schlechte Tischmanieren hervorgerufen werden. Kurzum: soll Lilli weiter Vorschläge machen oder sich schleunigst nach anderen Freunden umsehen und ihre Kinder in Ruhe lassen? Was aber wird dann aus der Atomfamilie? Ein Molekül mit freien Radikalen?

Samstag, 20. September 2014

Die Freuden des Fahrradfahrens

Lilli fährt mit dem Fahrrad ins Büro, was ausserordentlich viele Vorteile hat: sie muss nicht im stickigen Zug sitzen (wenn es denn einen Sitzplatz gibt) und wird dort nicht rumgeschüttelt, sie muss keine 7 Dollar für die Hin- und Rückfahrt bezahlen, sie kann eine Stunde Sport fast ohne Zeitverlust in ihren Alltag integrieren UND sie ist die Königin ihres Zeitplans. Ab und an fährt ein Schiff durch die Schleuse, die zwischen ihr und der Insel Montréal liegt, und zwingt sie zu Wartezeiten von bis zu einer halben Stunde, aber das ist diesen Sommer nur zweimal vorgekommen.

Diese Woche aber sind die Temperaturen dramatisch gefallen. Erst letzte Woche noch waren Sommerkleider an der Tagesordnung, jetzt hat es morgens nur noch 2 Grad. Die richtige Kleiderwahl wird zur Qual, denn zu warm oder zu undurchlässig angezogen ist genauso unangenehm wie das Abfrieren von Fingern am Lenker oder der bohrende Luftzug im Ohr. Wenn Leute fragen, wie lange Lilli noch mit dem Fahrrad ins Büro fahren wird, weiss sie jetzt die Antwort: wenn sie nichts mehr zum Anziehen hat.

Mittwoch, 17. September 2014

Lesen

Obwohl die Strolche auf eine Privatschule gehen und es bei den Kosten dann auf weitere 12 Dollar auch nicht ankommen würde, muss der kleine Strolch den "Kleinen Hobbit" nun auf Kobo lesen. Seine Englischlehrerin findet das ausserordentlich praktisch, denn dann muss sie keinen Klassensatz mit in den Unterricht bringen und die Schüler können überall weiterlesen - im Bus zum Beispiel, wenn sie ein Tablet haben oder ein iPhone. Der kleine Strolch fährt aber nicht Bus und elektronisch ausgestattet ist er auch nicht. Deshalb liest er jetzt zuhause vor dem PC, was er ermüdend findet und wenig kuschelig. Glücklicherweise gehört er zu den Kindern, die gern lesen, und nimmt die Ungemütlichkeit des hellen Bildschirms und des aufrechten Sitzens als lästig, aber notwendig hin. Was aber machen Kinder, die keine eifrigen Leser sind? Die finden so garantiert nicht zum Buch, sondern gehen gleich - wenn sie sowieso schon vor dem Bilschirm sitzen - zum Film über. Bravo.

Auf zu neuen Ufern

Dieser Tage muss Lilli im Büro abgeben, woran sie seit fünf Jahren arbeitet. Eine neue Kollegin übernimmt ihr Aufgabengebiet, damit Lilli was anderes machen kann. Lilli muss sie einarbeiten und stellt fest: es ist schwer, seine Projekte einfach so einem anderen Menschen anzuvertrauen. Sie will der neuen Kollegin alles sagen, was zur Fortführung der Projekte wichtig ist und merkt, dass manches gar nichts zur Sache tut, weil es zwar zum bisherigen Verlauf des Projektes gehört, auf den weiteren Verlauf aber keinen Einfluss hat. Sie kommt sich vor wie eine Mutter, die ihr Kind dem Babysitter übergibt und kein Ende findet: "Heute morgen hatte er gar keinen Hunger, dann aber hat er eine ganze Brezel gegessen, was er normalerweise gar nicht so mag, aber heute mochte er sie, und jetzt hat er vielleicht bald Durst, weil die Brezel ja salzig war, vielleicht aber auch nicht, meist trinkt er ja nicht so viel den Tag über, obwohl es auch vorkommen kann, dass er mittags zwei ganze Gläser Apfelsaft..." Alles nicht wichtig für den weiteren Verlauf des Tages, aber schliesslich muss man doch zeigen, dass man die ganze Zeit über, während man für das Kind verantwortlich war, eine gute Mutter war und stets Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen getroffen hat, und natürlich immer im Rahmen des Budgets.

Kurzum, es ist schwer, die Projekte abzugeben, aber es geht. Die Kollegin versteht sehr schnell (schneller als Lilli damals), worum es geht, und macht ihre Sache gut. Sogar sehr gut! Zu gut? Kurz hat Lilli Angst, im Vergleich zum Neuzugang plötzlich schlecht dazustehen, dann aber wendet sie sich ihrem neuen Projekt zu, das so neu ist, dass keiner sie mit einem Vorgänger vergleichen kann. Das hat doch was Beruhigendes.

Montag, 15. September 2014

"Wir haben nichts Neues gelernt"

Das soll Picasso gesagt haben, als er die Höhlenmalereien von Lascaux sah. Gestern war Lilli mit den Strolchen in der Wanderausstellung "Lascaux 3" im Montrealer Science-Museum und fand sich seltsam berührt von den schwimmenden Hirschen, der schwarzen Kuh, den vielen Pferden und den Mammuts mit dem noch stellenweise pelzigen Winterfell. Manche Figuren besitzen mehrere Köpfe in schrittweise veränderter Haltung, als ob eine Bewegung nach oben oder unten angedeutet werden sollte - wie in einem Animationsfilm, in dem diese Varianten schnell hintereinander abgespielt werden. Ein an die Deckenwölbung gemaltes Tier ist seltsam verlängert dargestellt, sieht aber von unten betrachtet vollkommen normal aus - ein visueller Effekt, der darauf schliessen lässt, dass hier Maler am Werk waren, die sich mit Perspektive auskannten. Zwischen den Tiergruppen sind seltsame grafische Zeichen zu erkennen, als handele es sich um Vorläufer von Buchstaben. Zwanzigtausend Jahre alt sollen die Höhlenmalereien sein, und tatsächlich fühlt man, dass diese Menschen uns ähnlich waren. Das einzige, was in der Multimedia-Ausstellung fehlte: ein Zeitgenosse von damals, mit dem man sich hätte unterhalten können. Das wäre mal ein interessanter Kaffeeklatsch gewesen.

Montag, 8. September 2014

Heute ein Beitrag von Monsieur

Am Wochenende hat Nordamerikas fünfte Jahreszeit angefangen:

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Über Lilli

Laufen ist denken, manchmal auch überlegen, immer aber sich erneuern. Eine neue Sicht auf die Dinge erlangen, die uns bewegen. Laufen ist manchmal auch davonlaufen, für eine Weile wenigstens, bevor man wieder heimkommt zu Mann und Kindern, Wäsche und Kochtopf, zu den eigenen Macken und all den bunten Schnipseln, die ein Leben so ausmachen. Laufen ist das beste Beobachten, das es gibt.

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