Freitag, 20. November 2009

Das Fernsehwunder

Freitag abends gucken Lilli und die Strolche ein seichtes Quiz, bei dem es nicht so sehr darauf ankommt, richtig zu antworten, sondern geschickt zu bluffen. Die Strolche sind froh, endlich mal abends fernsehen zu dürfen, und versuchen, die Fragen (Wer hat „Le rouge et le noir“ geschrieben? Was ist ein Ristretto? Wer wählt den Papst?) zu beantworten, während Lilli froh ist, faul auf dem Sofa liegen zu dürfen, ab und zu triumphierend eine Antwort in die Runde wirft und ansonsten Pläne fürs Wochenende macht. Das Lustige an der Sendung ist, dass die ganze Staffel wohl innerhalb einer Woche aufgenommen wurde und die Moderatorin zu dieser Zeit bis zu den Ohren schwanger war. Nun stöckelt sie also seit September Veronique-cloutier jeden Freitag abend wie ein elegantes Walroß auf ihren hohen Schuhen von einem Kandidaten zum anderen und stellt dabei den schönsten Bauch (und das dazugehörige Decolleté) zur Schau, jedes Mal in einem anderen tollen kurzen Kleid. Jede Woche sind die Strolche gespannt, ob sie denn nun wohl ihr Kind geboren hat (hat sie schon vor einiger Zeit), und wundern sich jedes Mal aufs Neue, dass man so lange so schwanger sein kann. Lilli grinst nur vor sich hin und fragt sich, ob es das wohl in Deutschland auch geben würde, so eine öffentliche Fernsehschwangerschaft ganz ohne Vertuschungsversuche.

Donnerstag, 19. November 2009

Novemberkoller

Manchmal sieht Lilli vor lauter Mängel das Kind nicht mehr. Als ob es sich um eine neue Version von Windows Vista handelte, mäkelt Lilli an dem großen Strolch rum: er hat sich nicht gekämmt, keinen Schal umgebunden, zu spät ist er auch wieder dran. Wie soll er den Schal auch finden, wenn er zu faul dazu ist, danach zu suchen? Wie die Zeit im Auge behalten, wenn er es nicht fertigbringt, eine Armbanduhr zu tragen? Und wie kann er lange Haar möchten, wenn es ihm schnurz ist, diese so ungepflegt zu tragen, als sei der Wind in ein Getreidefeld gefahren? Der große Strolch ist in einem Alter angekommen, an dem er solche Schimpftiraden wortlos über sich ergehen lässt und mit gesenktem Kopf durch die Tür verschwindet. Schweren Schrittes schleppt er sich in die Schule (wenn er doch nur mal richtig zu spät kommen würde!), während Lilli sich im Badezimmer ohrfeigt. Was plagt sie nur derzeit, dass sie so auf dem großen Strolch herumreitet? Sauerstoffmangel? Smog? Lichtentzug? Oder ist sie einfach dabei, sich in eine schreckliche Kastrationsmutter zu verwandeln, die ihren Sohn vermurkst, um ihn später den Psychiatern aufs Sofa zu treiben? Schnell einen Sandsack, sonst kommt hier noch jemand zu Schaden…

Lilli und die Ironie

Letzte Woche hatte Lillis Büro Besuch: der Personalberater, der im Beisein von Lillis Chefin ihr Vorstellungsgespräch im Juni geführt hatte, schaute auf einen Sprung vorbei. Mit seinem Rucksack und seinem gestreiften Schal sah er aus wie der kleine Prinz mit 19, und genauso unbefangen warf er Lilli über das gesamte Großraumbüro hinweg die Bemerkung zu, dass er doch einmal sehen musste, ob sie tatsächlich noch da war oder ob sie den Job bereits wieder geschmissen hätte. Dass er mit dieser ironisch gemeinten Frage fast ins Schwarze getroffen hätte, da Lilli in den ersten Wochen tatsächlich näher an der Kündigung dran war als Bella an ihrem Edward (Twilight, irgendwer?), konnte er zwar nicht ahnen, hätte er aber trotzdem als Möglichkeit in Erwägung ziehen müssen. Ironie darf in der rhetorischen Palette eines Personalberaters eigentlich nicht existieren, wenn er und seine Ratschläge ernst genommen werden möchten. Natürlich darf er auch nicht aussehen wie 19, aber dafür kann er nun wirklich nichts. Lilli jedenfalls lächelte nur schief und meinte mit einem schrägen Blick auf ihre Chefin, dass es ihr jeden Tag besser gefalle. Dass sie noch lange nicht davon überzeugt ist, die richtige Person für den Job zu sein, behielt sie hübsch für sich. Infragestellungen dieser Art stehen erst zwischen Weihnachten und Neujahr auf dem Kalender.

Dienstag, 17. November 2009

Wenn Lilli Klamotten kauft

Eine nicht zu unterschätzende Nebenwirkung des selbständigen Arbeitens ist diese: man wird, so man einen Klamottenladen betritt, der andere Sachen verkauft als bedruckte T-Shirts und Kapuzenpullis in Größe 128, vom schieren Preis der Dinge erschlagen. Der Freelancer hat, wie bereits erwähnt, keinerlei Bedarf an schicken Klamotten, da er selbst bei Kundenbesuchen in Jeans antanzen darf bzw. sollte, um seinen Status als freier Mitarbeiter visuell zu unterstreichen. Er kauft schicke Klamotten deshalb nur, wenn sie gnadenlos runtergesetzt sind und es gewissermaßen eine Sünde wäre, sich dieses Schnäppchen entgehen zu lassen. Wagt der Freelancer dann den Schritt zurück an einen Arbeitsplatz, an dem er für andere Leute sichtbar ist, behält er den Reflex, nur Ware zum Sonderpreis zu erstehen, erst einmal bei. Was Lilli ihre zwei sehr schicken Röcke und fünf Oberteile für insgesamt 228 Dollar beschert hat. Und das, liebe Mitkonsumenten, ist billiger als das Montieren von Winterreifen.

Montag, 16. November 2009

Das Schöne am Arbeiten

Das Schöne am Arbeiten ist, dass man Klamotten braucht. Als Freelancer braucht man ja nie Klamotten, da man nicht aus dem Haus kommt und es sich nicht lohnt, sich nur für einen Sprung in den Supermarkt die Jeans aus- und einen Rock anzuziehen. Auch in Gegenwart von Kindern lohnt es sich nicht, irgendetwas Hübsches anzuziehen, da es nicht lange hübsch bleibt oder aber beim Legospielen verdammt unpraktisch ist, das Hübsche. Wer aber 8 Stunden in einem Büro sitzt und dabei von 5 Mitarbeitern und potentiell unendlich vielen Besuchern aus dem dritten Stock gesehen wird, muss auch durch sein Äußeres zeigen, dass er – zumindest, wenn er in Marketing-Berufen tätig ist – nicht nur über Geschehnisse und Theorien, sondern auch über Tendenzen auf dem Laufenden ist. Lilli weiß gar nicht, warum sie sich überhaupt rechtfertigt, aber es scheint sie zu beruhigen, dem Geständnis, nun gleich zweimal in einer Woche in verschiedenen Bekleidungshäusern zugeschlagen zu haben, eben diese Rechtfertigung vorauszuschicken. Nach sieben Jahren Freelancertum und drei Jahren Schwangerschaft hat sie sich nun endlich mal wieder ein paar schicke Röcke und Tops geleistet und lächelt so befriedigt wie die fette orangene Katze, deren Comics der kleine Strolch gerade verschlingt, nach dem Genuss einer Lasagne.

Donnerstag, 12. November 2009

Manchmal

Manchmal ist es ein ganz normaler Mittwochabend, an dem Lilli nicht zu spät mit dem Abendessenmachen anfängt, weshalb sie die Strolche dann auch nicht ungeduldig anfährt, wenn sie mit irgendetwas zu ihr kommen, und sogar noch Zeit hat, einen Obstteller zu schnippeln. An dem alle entspannt am Esstisch zusammensitzen, kein Glas umgeworfen wird und keiner einen Mund voll Essen über den Tisch niest. Da finden dann allerlei Gespräche statt, über Fische, Kinderkriegen, Schule und Fußball, wobei jeder mal zu Wort kommt und keiner gelangweilt Krümel über den Tisch schießt. Anschließend gehen die Strolche untergehakt die Treppe hoch, um in mittelmäßiger Zeit zu duschen, und warten gut riechend im Bett des kleinen Strolches darauf, dass Lilli ihnen vorliest. Lilli liest ihnen Tintenherz vor, schickt den großen Strolch in sein eigenes Bett, kuschelt den kleinen Strolch ins Kissen, macht das Licht aus, geht zum großen Strolch, kuschelt, macht das Licht aus. Und denkt anschließend, allein im Wohnzimmer sitzend und eine Tasse Tee in der Hand drehend, dass sie den Strolchen eigentlich aufschreiben müsste, wie sehr sie diese Abende glücklich machen. Für später.

Mittwoch, 11. November 2009

Das Kreuz mit dem Adventskalender

„Soll ich dir was mitschicken zum Backen?“, fragt Lillis Mutter fürsorglich durchs Telefon, da sie gerade dabei ist, den Adventskalender für die Strolche einzupacken und noch Platz für Hirschhornsalz und ähnlich schwierig aufzutreibende Pülverchen hätte. Lilli durchfährt ein heißer Schreckensblitz: letztes Jahr hatte sie sich doch ganz fest vorgenommen, ihrer Mutter nun aber mal ganz schonend beizubringen, dass der tolle Lego-Adventskalender, den sie immer schickt,…. also dass der Kalender…… obwohl er ganz toll ist,…. also dass die Strolche sich nicht so recht dafür begeistern können. Im Wirklichkeit finden die Strolche den Kalender ziemlich lahm, da jeden Tag nur etwa fünf Legosteinchen rauskommen, die sie im Nu zusammengebaut haben, mit denen man aber noch lange nicht die tolle Landschaft aufbauen kann, die vorne und hinten auf dem Kalender so verführerisch zu sehen ist. Da müsste man dann extra noch einiges dazukaufen, so haben sich die Marketingleute das ausgedacht, aber die Strolche fühlen sich hintergangen und lassen die Teilchen, kaum sind sie zusammengebaut, links liegen. Lilli versteht einerseits die Strolche, findet sie aber andererseits undankbar und hat vor allem ein schlechtes Gewissen, ihre Mutter jedes Jahr diesen bestimmt teuren Kalender kaufen zu lassen. Aber auch dieses Jahr ist es bereits zu spät, noch irgendwelche vorsichtig formulierten Bedenken anzubringen, denn der Kalender liegt bereits liebevoll eingepackt in einer Schachtel, die Lillis Vater wie der Weltmeister zukleben und –schnüren und mit dem Fahrrad zur Post bringen wird, damit die Strolche im fernen Kanada jeden Tag ein Türchen aufmachen können. Lilli seufzt. Es gibt Dinge im Leben, die sind so verletzend, dass man sie überhaupt gar nicht aussprechen kann… „Lebkuchengewürz“, sagt Lilli deshalb nur und „ach wie lieb, dass ihr an uns denkt.“ In ihrem Magen dreht sich eine Faust im Kreis.

Montag, 9. November 2009

Krank ist krank

Zuerst der kleine Strolch, dann der große: wenn so ein Virus erst einmal im Haus ist, nützt auch die beste Hygiene (Bad putzen! Betten abziehen! Zahnbürsten auswechseln!) nicht viel. So war also die Hälfte von Lillis Familie krank, und anstatt Lilli moralisch aufzubauen, der das Badputzen, Bettenabziehen und Zahnbürstenauswechseln so langsam zum Hals raushängt, entrüstet sich die Freundin über Lillis Hartherzigkeit. „Was, kein Fernsehen für die kranken Kinder? Im Bett müssen sie bleiben? Und nicht mal an den Computer lässt du sie?“, fragt sie ungläubig und starrt Lilli an, als hätte sie gerade erfahren, dass Lilli ihre Kinder mit Handschellen ans Bett fesselt und nur einmal am Tag mit etwas Brotsuppe und kaltem Tee abspeist. Lilli nickt trotzig. Jawohl. Kranke Kinder gehören ins Bett, vor allem mit Fieber und Kopfweh. Da sollen sie sich dann so richtig doll ausruhen und langweilen, bis sie wieder gesund sind. Sie sollen schlafen, vielleicht ein bisschen lesen, lange an die Decke starren und darauf warten, dass Lilli ihnen ein Glas Orangensaft vorbeibringt und eine Weile Reversi mit ihnen spielt. Lilli findet, dass auch die Schattenseiten zum Leben dazugehören, und will ihren Kindern nicht vorgaukeln, dass das Leben ein einziges Riesenrad sei. Krank sein ist nicht schön, aber nach drei Tagen Bettruhe gesund werden und wieder in die Schule dürfen – das ist so toll wie Zuckerwatte…

Donnerstag, 5. November 2009

Lilli wird ungeduldig

Wieviele verhunzte, zu matschige, bröckelige oder sonstwie versalzene Brote muss man eigentlich essen, bis ein Brotbackautomat ein akzeptables Ergebnis zustande bringt? Falls es irgendwo da draussen ein unfehlbares Vollkornbrotrezept gibt - her damit, aber schnell.

Über Lilli

In Süddeutschland geboren und aufgewachsen, nach dem Studium nach Kanada ausgewandert, lebt und liebt Lilli seit zehn Jahren in einem Vorort von Montréal. Sie verdient ihr Brot mit Übersetzungen, die Butter dazu mit Texten aus ihrer Feder und die volle Anerkennung ihres Mannes dafür, zwei Strolche fast immer liebevoll auf ihrem Werdegang zu begleiten.

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