Sonntag, 29. Januar 2012

Lilli muss nachschlagen

Chicken wire, so heisst dieser enge Maschendraht auf Englisch, den Lilli als Lösung für das Mausproblem des kleinen Strolches vorschlägt. Denn die an sich winzige Maus schafft es locker, durch die (zugegebenermassen horizontalen) Stäbe ihres Käfigs zu schlüpfen, von denen Lilli angenommen hatte, sie lägen dicht genug beieinander. Haben denn Mäuse überhaupt kein Rückgrat? Jedenfalls hat Lilli beim örtlichen Baumarkt, der insgesamt auch nicht grösser ist als ein Mäusekäfig, entsprechend engen Maschendraht gefunden. Und dann doch nicht gekauft, da ihr die Maus leid tat, die sich dann gar nicht mehr heimlich die Füsse vertreten kann - in einer Pappschachtel wohlgemerkt, in die ihr Käfig vorsichtshalber gestellt wurde. Im Moment hat sie einen Käfig und eine Schachtel, so wie Leute ein Haus und ein Grundstück haben, und wer nimmt schon gerne einer Maus ihren Vorgarten weg? Lilli jedenfalls nicht, wenn die Schachtel auch alles andere als hübsch aussieht und von der Maus schon an mehreren Stellen angenagt wurde.

Was Lilli aber nachschlagen musste, war nicht etwa der englische Ausdruck chicken wire, sondern die deutsche Übersetzung dafür, um das Ganze dann hier zu bloggen. "Sechseckgeflechte" nennt man das anscheinend, oder auch einfach "Hühnerdraht". Lilli lebt nun schon seit zwanzig Jahren in Kanada...

Donnerstag, 26. Januar 2012

Lilli und die Bodenhaftung

Im Januar fällt allen Läufern auf, wie wichtig Bodenhaftung ist. Da gibt es erst mal die Bodenhaftung des Schuhs, die das Lauferlebnis nur unbedeutend beeinflusst - zugegeben, mit Joggingschuhen kommt man sicherer über die Runden als mit Curlingschuhen, aber im Zweifelsfall ginge auch das, vor allem, wenn man immer nur auf dem Schuh auftritt, der keine glatte Sohle hat. Zweitens aber gibt es auf einmal die Bodenhaftung des Bodens an sich, beziehungsweise es gibt sie nicht mehr, da der Boden sich mit einer soliden Eisschicht überzogen hat, die das Laufen zum unkalkulierbaren Risiko macht, wenn nicht zu einem Ding der Unmöglichkeit. Nun ist es auf einmal keine Frage mehr des richtigen Fersenaufsetzens und Abrollens, ob man zügig vorankommt, sondern man fragt sich, ob man überhaupt vorankommen wird, ohne zum Schlurfen übergehen zu müssen. Wobei "schlurfen" übrigens eines der zwei deutschen Verben ist, die die Strolche direkt in ihren französischen Wortschatz übernommen haben. "Arrête de schlurfer", sagen sie, um sich über die Gangart des Bruders lustig zu machen, wie sie auch sagen "Je dresse la table et tu einschenkst", wenn es darum geht, wer was beim Abendbrotvorbereiten hilft. Wenn also die Bodenhaftung fehlt, weil der Regen des Klimawandels am nächsten Tag zu Eis gefroren ist, kann es sein, dass man den Fuss aufsetzt, um geradeaus zu gehen, und dabei glatt nach links abrutscht, wo man gar nicht hinwollte. So, wie wenn einem Autor die Richtlinie für einen Text fehlte und er ziellos von einem Thema zum nächsten gleitet, ohne sich die Mühe zu machen, diese logisch miteinander zu verknüpfen. Nehmen Sie dazu Apfel- oder Orangensaft?

Donnerstag, 26. Januar 2012

Lilli sieht gut aus

Gestern sah Lilli gut aus. In der Vorstandssitzung nämlich, in der sie anwesend sein musste, um die tollen Früchte mit einzuheimsen, die zum Grossteil andere erarbeitet haben. Ihre Rolle war, als Kommunikatorin, begrenzt, hat aber den Vorteil, konkret anfassbar und vorzeigbar zu sein ("hier: Broschüre! Hier: Magnet für den Kühlschrank! Hier: Kundenbrief"). Sie ist ein bisschen beschämt, so gut dazustehen, noch dazu vor einem neuen Generaldirektor. Monsieur sieht Lillis Bedenken gelassen: "Du wirst auch mal wieder schlecht aussehen, ohne dass du direkt dran schuld bist. Nimm's als Vorschuss." Lilli will aber keinen Vorschuss, sie will lieber genau bekommen und bezahlen, was ihr zusteht. Und genau so aussehen, wie sie ist, ohne Perücke und falsche Wimpern.

Dienstag, 24. Januar 2012

Lilli und der Klimawandel

Es schüttet. Im Januar. Nachdem es die ganze letzte Woche so kalt war, dass Lilli auf dem Weg ins Büro die noch feuchten Haare an die Mütze gefroren waren (was letztendlich anscheinend keinen grossen Unterschied zu sonst machte). Auf der Langzeittabelle des Wetterdienstes sind Minusgrade und Schnee erst wieder in zwei Wochen eingetragen, bis dahin Sonne und Temperaturen über Null. Hier in Sibirien Montréal. Lilli is not amused, und die Skistationenbesitzer sind es auch nicht.

Sonntag, 22. Januar 2012

Wie die Zeit vergeht

Weinflaschen waren Lilli zu schwer als Mitbringsel, da sie plante, direkt vom Büro aus, also mit Sack und Pack und Schuhen und Strickjacke und was man halt sonst noch so mit sich herumträgt, um den Tag im Büro zu überstehen, zum Treffen mit ihren frühreren Kollegen zu gehen. Zwölf Jahre war es nun her, dass sie diese Agentur verlassen hatte, und wenn sie auch ein paar der liebsten Kollegen im Anschluss immer mal wieder treffen konnte, waren diese Zusammenkünfte in den letzten Jahren doch versiegt. Den Chef, der nun zu sich einlud, hatte sie nur ein einziges Mal auf der Strasse getroffen seither. In ihrer örtlichen Schokoladenboutique mit himmelhohen Preisen wählte sie also eine in Krawattenkaropapier gehüllte Tafel Zartbitter für ihn und ein Töpfchen mit hausgemachtem Karamell für seine Frau. Und zwei unwiderstehlich lustige quadratische Schokolutscher für die Kinder. Lilli konnte sich noch gut an die Geschichten über den schwierigen Sohn erinnern - entweder war er autistisch oder hatte andere Verhaltensstörungen, so ganz eindeutig war das nie gewesen und der Chef eher wortkarg, was die Diagnose anging. Einmal hatte er sich aus Versehen im Klo eingeschlossen und schrie wie am Spiess, bis die Feuerwehr durch das Fenster einstieg, worauf er regelrecht hysterisch wurde... Der Vater hatte von der Agentur nach Hause kommen müssen, um ihm gut zuzureden.

Erst beim Verlassen des Ladens fing Lilli an zu rechnen. Gerade hatte sie einem 18jährigen einen Schokolutscher gekauft. Dabei war ihr selbst die Zeit seit damals nicht länger als ein Schulterzucken vorgekommen.

Freitag, 20. Januar 2012

Lilli ist grosszügig

"Nachher hast du Basketball", sagt Lilli zum kleinen Strolch. "Ooch", sagt der nur und guckt sie fiebrig vom Sofa aus an. Die Nase zu, die Backen rot, hier hat mal wieder ein Schnupfen zugeschlagen. "Wenn du nicht willst, brauchst du nicht zu gehen", meint Lilli gnädig. Dass das Auto in der vereisten steilen Einfahrt steht und Lilli beim rückwärts Rausfahren die Mauer zu streifen riskiert - und dass es ihr deshalb ganz recht ist, an diesem Abend nirgendwo hinzumüssen - sagt sie nicht.

Donnerstag, 19. Januar 2012

30 Sekunden

Lillis erster richtiger Werbespot kommt nächste Woche ins Fernsehen. In den letzten vier Wochen hat Lilli deshalb schätzungsweise hundert, vielleicht auch fünfhundert Entscheidungen getroffen, die alle diese kostbaren 30 Sekunden betreffen. Was wird genommen, was fliegt raus, was dauert wie lange und kommt in welcher Reihenfolge - mit der gleichen Idee und dem gleichen Filmmaterial könnte man mehrere völlig unterschiedliche Versionen zusammenschneiden, es ist total faszinierend. Lillis Kollegen haben unterschiedliche Kommentare abgegeben und unterschiedliche "problematische" Stellen aufgezeigt - die eine fand die Tanzszene super, die Lilli letztendlich rauswarf, die andere störte die Art, wie die Frau die Hände unter dem Bauch faltet, und der Kollege mit den schönen Hemden fand das Endprodukt "korrekt, wenn auch nicht elegant". Lilli muss sich jetzt ganz schnell einen dicken Panzer wachsen lassen, bevor die 500 Mitarbeiter und dann das Fernsehpublikum mit ihrem Werk konfrontiert werden.

Und sich daran erinnern, dass es sich um einen Werbespot handelt und nicht um epochemachende Filmkunst. Um den sich trotzdem in den letzten Wochen ihre gesamte Existenz gedreht hat...

Gruppendynamisch

Lilli bekommt jeden Tag eine E-Mail mit einem Sonderangebot, das nur dann gültig ist, wenn sich genügend Leute verpflichten, es zu kaufen. Groupon nennt sich das hier und in den sechs Monaten, in denen Lilli täglich dazu animiert wurde, Yogakurse, Maniküren oder Winterreifen zu kaufen, hat sie tatsächlich zweimal zugegriffen. Das erste Mal im Herbst bei einem Restaurant in ihrer Nähe, das zweite Mal gestern. Lilli braucht nämlich einen Wecker, und gestern war so ein kleiner goldiger Würfel im Angebot, der von innen leuchtet und in unregelmässigen Abständen die Farbe wechselt. Den kleinen Strolch beunruhigt das.

Kleiner Strolch: Der blinkt, oder was?

Lilli: Nein, der wechselt ganz sanft und langsam die Farbe.

Kleiner Strolch: Hört das auf, wenn du ihn ausschaltest?

Lilli: Den schalte ich nicht aus, der muss doch die ganze Zeit die Zeit anzeigen, damit er morgens klingeln kann.

Kleiner Strolch: Dann leuchtet der die ganze Nacht durch und wechselt dabei ständig die Farbe?

Lilli: Ja.

Kleiner Strolch: Da kannst du bestimmt nicht schlafen dabei.

Lilli: Das werden wir ja sehen. Im schlimmsten Fall stelle ich ihn unten in meinem Nachttisch, dann stört es mich bestimmt nicht.

Kleiner Strolch: Wenn es dich stört, kann ich ihn nehmen. Mir würde das bestimmt nichts ausmachen...

Stets zu Diensten, der Junge.

Dienstag, 17. Januar 2012

Das Gute an der Kälte

Wenn es an einem strahlenden Wochenende nach einem Schneesturm so richtig krachend kalt ist, freut sich Lilli. Nicht, weil sie besonders gerne friert, sondern weil die Kälte ihren eigenen Rhythmus hat, den sie den Leuten mit sanfter Gewalt auferlegt. So hat es zum Beispiel keinen Sinn, sich mit dem Frühstück oder der Hausarbeit zu beeilen, um dann vom Rest des Tages auf der Skipiste zu profitieren. Mehr als eineinhalb oder zwei Stunden an der frischen Luft sind nicht drin bei diesen Temperaturen, und am besten wartet man damit bis 11 Uhr, um dann vom Höchststand der Sonne und den paar Graden, die das Thermometer deshalb nach oben kriecht, zu profitieren. In der Zwischenzeit schenkt man sich eine zweite Tasse Kaffee ein, liest die dicke Samstagsausgabe sorgfältig von vorn bis hinten und hat sogar Zeit, mit den Strolchen Carcassonne zu spielen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, man würde das schöne Wetter verplempern. Manchmal sind -18 Grad direkt herrlich.

Schön sein heute

Lillis Apothekerin sieht aus wie siebzehn und hat so lange Wimpern, dass es falsche sein müssen. Während sie Lillis Rezept liest, stellt Lilli sie sich mit türkisen Haaren vor, denn nur das fehlt noch zur Manga-Heldin. Besser noch: auf den falschen Wimpern klebt pro Auge ein kleines Glitzersteinchen, damit es aussieht, as ob sich eine Träne in den Wimpern verfangen hätte. Eine Perfektionistin! Lilli ist nur froh, dass sie selbst schon so alt ist, dass sie nicht mehr mit allen Mitteln schön sein will.

Über Lilli

In Süddeutschland geboren und aufgewachsen, nach dem Studium nach Kanada ausgewandert, lebt und liebt Lilli seit 12 Jahren in einem Vorort von Montréal. Sie verdient ihr Brot mit Übersetzungen, die Butter dazu mit Texten aus ihrer Feder und die volle Anerkennung ihres Mannes dafür, zwei Strolche fast immer liebevoll auf ihrem Werdegang zu begleiten.

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