Mittwoch, 17. Juni 2009

Lilli braucht mal Pause

Lilli hat aufregende Wochen hinter sich. Zuerst war sie wieder Aushilfssekretärin und hat allerlei gelernt: z.B., dass sie richtig viel Stress inzwischen so auf den Magen schlägt, dass sie sich fast übergeben muss. Dann hat sie gemerkt, dass ihre kanadischen Aufenthaltspapiere nicht ganz so in Ordnung sind, wie sie vor dem Deutschlandflug eigentlich sein sollten, und dass es zum Glück ein Express-Antragsverfahren gibt, das solche Sachen doch schon innerhalb von drei Wochen regeln kann. Leichte Übelkeit auch hier. Schließlich hat sie noch eine Einladung zu einer schriftlichen Prüfung für eine gar nicht so uninteressante Halbtagsstelle bekommen und wurde drei Tage später (heute) auch prompt zum Vorstellungsgespräch gebeten – Antwort erst Mitte Juli. Jetzt will sie nur noch weg für eine Weile. Am Strand die Zehen in den Sand graben. Die Sonne an den Beinen spüren. Mit den Strolchen Eis schlecken. Mit Monsieur abends spazieren gehen. Morgens joggen, mittags schlafen. Und dann ganz viele liebe Leute in Deutschland besuchen, dort Brezeln und Rührkuchen mit Sahne essen und nicht erklären müssen, dass der Nachmittagskaffee eine typisch deutsche Einrichtung ist.

Deshalb wird es hier lange nichts zu lesen geben. Oder nur sporadisch. Sendepause bis September…

Dienstag, 16. Juni 2009

Auto-matik

Volkswagen schaltet in Kanada Werbespots, die sich nicht groß von all den anderen Autoherstellern unterscheiden. Klar wird manchmal der „europäische Chic“ oder die „deutsche Technologie“ hervorgehoben, ansonsten sieht man … Autos, Straßen, Tankstellen und lächelnde Menschen in urbanen Klamotten wie bei Mazda, Ford und Honda auch. Neulich wäre Lilli beim Nachrichtengucken aber fast vom Sofa gerutscht: im Werbeblock hört sie doch plötzlich eine dieser tiefen, gutturalen Stimmen, die sonst immer im Kino die neuesten Filme anpreisen („Er lebte ein gewöhnliches Leben (Pause) mit ganz gewöhnlichen Freunden (Pause) bis er eines Tages (Pause) auf eine außergewöhnliche Frau stieß“), die auf deutsch sagt: „Volkswagen – das Auto“. Keine kanadische Stimme, die so tut, als sei sie deutsch, sondern eine Stimme, die so mühelos und akzentfrei deutsch spricht, als käme sie direkt aus Hannover. Und das hört sich gleichzeitig so fremd (inmitten des sonstigen akustischen Umfelds) und vertraut (für Lilli) an, dass Lilli ganz anders um den Bauchnabel wird. Oder wo auch immer das Zugehörigkeitsgefühl sitzt, das das Hören der Muttersprache in uns auslöst. Denn es war ja weder die Stimme des Mannes (die Lilli unbekannt war), noch die Bedeutung der Worte, die Lilli berührten. Es war allein das Hören der Sprache, das so automatisch eine Saite in Lilli zum Klingen brachte, wie manchmal eine Berührung mit einem Finger den ganzen Körper in Aufruhr bringt. Einen ähnlich direkten Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung kennt Lilli sonst nur, wenn sie eine Tüte Gummibären aufreißt und sofort ein Strolch neben ihr steht...

Donnerstag, 11. Juni 2009

Bisschen viel vielleicht

Beim Kantinengeplapper erfährt man ja so allerhand. Da erzählt z.B. eine Sekretärin, dass sie im April von England nach Montréal umgezogen ist. Die 3-jährige Tochter blieb vor dem Umzug erst einmal sechs Wochen allein bei den Großeltern in England, dann sechs Wochen bei den ziemlich unbekannten Großeltern in Montréal, dann durfte sie wieder mit Mama und Papa zusammenziehen, die inzwischen Wohnung/Auto/Arbeit gefunden hatten. Und in den neuen Kindergarten gehen – ein Konzept, das sie aus England nicht kannte, da sie dort immer mit einem Elternteil zu Hause war. Noch dazu in einen französischsprachigen Kindergarten, obwohl sie fast nur Englisch kann. Und jetzt will sie sich einfach nicht eingewöhnen dort, obwohl der Kindergarten hell, freundlich und alles ist. Will keinen Mittagschlaf machen, obwohl sie in England immer wunderbar geschlafen hat. Und mit dem Essen ist sie neuerdings auch schwierig. Komisch, oder? Die Sekretärin seufzt. Was man mit Kindern aber auch alles durchmacht…

Mittwoch, 10. Juni 2009

"Sveeg und Sling"

Lilli hört nur selten Kommentare, die auf ihre Nationalität abzielen, und zum Glück keinerlei Anspielungen auf die deutsche Vergangenheit in der Weltgeschichte. Eine nette Frau, die auf dem Schulweg wohnt und mit Lilli manchmal über den Charme Europas spricht, hielt sie vor kurzem aber extra an, um ihr von ihrer neuesten Entdeckung zu erzählen. Da hat sie doch zwei deutsche Autoren entdeckt, die so wunderbar empfindsam und treffend schreiben, mit großer Menschenkenntnis und Verständnis für die Irrungen und Wirrungen der Seele. Lilli musste die Frau leider bitten, die Namen zu wiederholen, da „Zweig“ und „Schlink“ für Französischsprachige doch einen erheblichen Schwierigkeitsgrad darstellen, dann aber hat sie sich mächtig gefreut. Als ob sie sich selbst von dem Kompliment ein Scheibchen abschneiden könnte…

Mit Milch, bitte!

Zurzeit muss Lilli wieder Sekretärin für Monsieur spielen – wobei das „Spielen“ eher zu kurz kommt, da Monsieur tatsächlich Hilfe braucht und sie mit richtiger harter Arbeit eindeckt. Ein paar Augenzwinkermomente gibt es aber doch. Zum Beispiel letzten Freitag morgen, als sich Monsieur in seinen Schreibtischstuhl fallen liess und zu Lilli hinausrief: „Ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht!“ Lillis Antwort: „Ja, gern, ich nehm ihn nur mit Milch wie immer“. Meistens fällt Lilli die Schlagfertigkeit ja erst hinterher ein, aber an diesem Tag war sie mal wirklich prompt zur Stelle. Die Sekretärin, die gleich neben Lilli sitzt, prustete nach einer Schrecksekunde gleich einen ganzen Stapel Belege über den Schreibtisch vor Lachen...

Freitag, 5. Juni 2009

Der Über-Tarif

Auf einem Portal, das Übersetzer und Auftragsgeber zusammenführen will, schreibt einer einen Auftrag über 300 Wörter aus, für den er genau 2 Dollar bietet.

Das ist nicht das Erstaunliche. Das Erstaunliche ist, dass er noch am gleichen Tag 42 Bewerbungen erhalten hat....

Aber Lilli hat beschlossen, sich an diesem schönen Freitagabend nicht davon die Laune verderben zu lassen. Dass man mit Übersetzen nicht reich wird, hat sie schon beinahe so geahnt.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Geld allein...

Konversation mit einem eisschleckenden kleinen Strolch.

KS: Da hinten ist Fabian! Der hat’s gut, der hat ganz reiche Eltern!
Lilli: Ach ja, woher weißt Du denn, dass die so reich sind?
KS: Die haben ein riesengroßes Haus! Und ganz viele Sachen…
Lilli: Was denn für Sachen?
KS: Na, ein Schwimmbad. Und eine Wii, eine Playstation… Wenn wir nur auch so viel Geld haben könnten…
Lilli: Macht viel Geld denn automatisch glücklich?
KS: Nein.
Lilli: Was macht denn dann glücklich deiner Meinung nach?
KS (augenrollend): Na, die Sachen, die man damit kauft!

Dienstag, 2. Juni 2009

Eine Frage der Ethik

Das Fach Religion ist in der Provinz Québec durch „Ethik und Religionskunde“ ersetzt worden und hat es damit geschafft, sowohl die gläubigen wie auch die religionsfernen Eltern in Rage zu versetzen. Die einen sind enttäuscht, dass der Glaube an Gott aus der Schule gekickt wurde, während die anderen finden, dass auch noch dieses Stündchen zu viel über das Thema vermittelt und womöglich die Türen zu fremden Religionen öffnet, die in der Welt nichts als Schaden anrichten. Unterdessen malen die Kinder viel und lernen ein bisschen was über die Hochzeits- und Beerdigungsrituale der Juden und der Hindu. Neulich aber erzählte der Strolch von einer ganz besonders spaßigen Unterrichtseinheit: jeder musste sich neun Personen oder Objekte aussuchen, die er auf eine „Ballonfahrt“ auf eine einsame Insel mitnehmen wollte. Leider kriegen sie bald schon Gewichtsprobleme und müssen zwei Personen/Objekte über Bord werfen, dann noch mal drei, dann noch mal zwei, sodass zum Schluss nur noch insgesamt drei Personen übrig sind. Die Kinder fingen mit den Fahrrädern und Baseballschlägern an, mussten aber bald schon die kleine Schwester oder die eigenen Eltern abwerfen, und einige zogen es zum Schluss sogar vor, selbst über Bord zu hüpfen. Als Lilli von diesem Experiment hört, zieht sie die Augenbrauen hoch und schüttelt verständnislos den Kopf. Ethik ist ja schön und gut, aber muss es gleich die Hardcore-Version sein? Für Zehnjährige? Dann erfährt sie in den Nachrichten vom Absturz des Airbusses zwischen Rio und Paris und denkt sich schaudernd, dass es im Prinzip noch die beste Lösung ist, wenn die ganze Familie zusammen verunglückt… oder wie soll man weiterleben, wenn ein Teil seines Herzens gestorben ist?

Freitag, 29. Mai 2009

Rauschmittel für Kinder

Man geht davon aus, dass die Kinder Lesen und Schreiben in der Schule lernen. Das tun sie auch, früher oder später. Was sie aber nicht unbedingt in der Schule lernen, ist das Bücherlesen. Dafür sind dann schon die Eltern zuständig, und wer das erst einmal verstanden hat, sollte sich dieser Aufgabe mit genauso viel Zeit und Ideenreichtum widmen wie diese jungen Leute mit Kapuzenpulli, die in Montréal an bestimmten Straßenecken stehen und auf ein Codewort hin ein Tütchen mit weißem Pulver aus der Hosentasche ziehen, das sie für viel Geld verschachern. Jawohl, liebe Eltern: wenn Sie wollen, dass Ihr Kind liest, müssen Sie zum Pusher werden, der Ihrem Kind genau den Stoff verschafft, von dem es süchtig wird nach mehr. Lesen ist ja mehr als das Zusammenklauben von Buchstaben, als das Aneinanderreihen von Wörtern zur schnöden Informationsaufnahme, als das Sich-Schlaumachen über Abfahrtszeiten und Sonderangebote. Es ist der Einstieg in eine andere Welt, in der man fliegen oder tauchen kann, in der man schwerelos durch farbige Kreise taumelt, durch Zeit und Raum reist oder die Identität wechselt – jedenfalls in eine Welt, die losgelöst ist vom eigenen Alltag und uns eine Weile alles um uns herum vergessen lässt. Bücher sind demnach das ideale Rauschgift, da sie uns bereichern, anstatt uns auszulaugen, und wenn man erst einmal den Einstieg gefunden hat, wird man (genau wie bei Heroin) nicht mehr die Hände davon lassen können. Manchmal wird uns diese Einstiegsdroge von einem Freund in die Hand gedrückt, manchmal ist es die Bibliothekarin, die uns vor das richtige Regal schiebt, ganz selten nur der Lehrer, der die Sucht in uns entfacht. Die besten Pusher aber sind die Eltern, die sich nur an ihre eigene Kindheit zu erinnern brauchen, um allererste Ware aufzutreiben. So hat Lilli diese Woche für den großen Strolch ein Buch gekauft, das sie als guten Trip in Erinnerung hat: „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Leider in einer schnöden französischen Taschenbuchausgabe, in der die rote und grüne Tinte durch Fett- und Magerdruck und der glänzende rote Stoffeinband durch ein kitschiges Foto ersetzt wurde. Der große Strolch, der inzwischen schon ein Kenner ist, hat die Seiten trotzdem freudig durch die Finger gleiten lassen und gierig die Nasenflügel gebläht. Sobald er mit den leidigen "betrüblichen Ereignissen" von Lemony Snicket fertig ist (die Lilli zur Raserei bringen), wird er es sich reinziehen…

Nach-Tisch

Der kleine Strolch hat ein neues Wort gelernt – la desserte = der Serviertisch. Weil doch Lilli einen solchen aus dem Müll gezogen und unter stundenlangen Qualen renoviert hat. Er hat es aber gleich verdreht und spricht jetzt nur noch von „la table des desserts“. Die Vorstellung, diesen Serviertisch mit Nachtisch beladen vor die Nase gerollt zu bekommen, ist aber auch zu verführerisch…

Über Lilli

In Süddeutschland geboren und aufgewachsen, nach dem Studium nach Kanada ausgewandert, lebt und liebt Lilli seit neun Jahren in einem Vorort von Montréal. Sie verdient ihr Brot mit Übersetzungen, die Butter dazu mit Texten aus ihrer Feder und die volle Anerkennung ihres Mannes dafür, zwei Strolche fast immer liebevoll auf ihrem Werdegang zu begleiten.

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Zuletzt aktualisiert: 19. Jun, 06:28

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