Es klingelt, der kleine Strolch macht auf, holt mich dann (hab ich ihm das nicht andersrum erklärt?), zwei Männer stehen höflich auf der Matte, sind aber trotzdem keine Zeugen Jehovas – es sind Politiker. In unserem Wahlkreis finden nämlich Anfang September Wahlen statt, weshalb auch die Straßen mit Wahlplakaten gepflastert sind, über die die Strolche viele Fragen stellen. „Frau S. gewinnt bestimmt, sie hat die meisten Plakate“, sinniert der große Strolch, und ich merke, wie schwierig es ist, Demokratie zu erklären. „Frau S. sieht aus, als ob sie weint“, meint der kleine Strolch nur und bringt damit ihr gezwungenes Lächeln auf den Punkt. Jetzt aber steht Kandidat C. vor der Tür und will sein „Schpiel“ loswerden, wie es mein früherer Boss so schön auf jiddisch gesagt hätte. Zwar darf ich nicht wählen, da ich dafür erst einmal die kanadische Staatsbürgerschaft annehmen müsste, was automatisch den Verlust des weinroten Lappens (und damit der Möglichkeit, sich irgendwann einmal wieder in Deutschland oder überhaupt Europa niederzulassen, gell) mit sich bringen würde, aber die Gelegenheit, den Strolchen Politik live vorzuführen, lasse ich mir nicht entgehen. Und so rattert Herr C. vor einer Nicht-Staatsbürgerin und zwei kleinen Jungs mit großen Augen sein Programm herunter, spricht von öffentlichem Nahverkehr, Subventionen für die Kultur, fasst das Thema Umwelt mit Samthandschuhen an, zieht als letzten Trumpf die Karte, dass er wenigstens als Einziger aus der Gegend stamme, aus dem Ärmel. Alles in allem eine gute Performance, und dass er haargenau so ausshieht wie auf seinem Wahlplaket, ist ein Extrabonus. Als ich die Tür hinter ihm zumache, klingelt das Telefon. Frau S. ist dran und möchte wissen, ob sie mit meiner Stimme rechnen kann. „Ich werde überhaupt nicht wählen“, sage ich etwas (zu) unfreundlich. Jetzt, da ich einem richtigen Politiker die Hand gegeben habe, ist mir ein schnödes Telefonat nicht mehr gut genug.
Lilli legt los - 28. Aug, 07:44
Hier soll nicht der Prozess von Lillis Schwiegermutter stattfinden, oh nein, obwohl sie eine egozentrische, manipulierende, ganz und gar oberflächliche…. ...aber es wäre ja zu billig, einfach stillos. Nein, Lilli hat vielmehr vor Monaten beschlossen und in die Praxis umgesetzt, sich ihrer Schwiegermutter gegenüber wie eine Ente zu verhalten – sie lässt böse Kommentare und egoistische Manipulationsversuche an sich abperlen wie Wasser auf dem Rücken einer Ente. Ihr Mantra – „Ich bin eine Ente, ich bin eine Ente“ – sagt sie sich vor, sobald sie Gefahr läuft, sich zu sehr über die Frau aufzuregen, die auf die Ankündigung, dass ihr Sohn ein Magengeschwür hat und deshalb Stress vermeiden sollte, in etwa so reagiert: „Ach, das ist ja schrecklich, wer soll denn dann meine Steuererklärung machen?“
Früher noch habe ich mich über solche Sachen aufgeregt. Dann brachte ich viele Stunden damit zu, einzelne Kommentare und Antworten darauf in meinem Herzen hin- und herzubewegen, zu drehen und zu wenden und nach Möglichkeiten zu suchen, der Frau klarzumachen, dass sie erwachsene Leute so nicht behandeln darf. Jetzt versuche ich es also mit der Ententechnik und habe sogar entdeckt, wie ich meine Schwiegermutter und deren Verhalten auf ganz heimtückische Weise zum Vorbild nehmen kann:
Aktion: Monsieur ruft seine Mutter an, um ihr mitzuteilen, dass er zu viel Arbeit hat, um wie unverbindlich geplant am Wochenende zu Besuch zu kommen.
Reaktion: „So ist das also, du kommst überhaupt nicht mehr, kümmerst dich nicht mehr, wenn dir wirklich nichts an mir liegt, kann ich ja das väterliche Haus verkaufen und überhaupt.“
Ergebnis: Monsieur hat sofort schlagartig keine Lust mehr, irgendwann einmal wieder seine Mutter zu besuchen. Wenn er das nächste Mal hinfährt, wird es ihm so vorkommen, als müsse er sich zerknirscht fühlen und um Entschuldigung bitten wie damals, als er fünf war und aus Versehen eine Salatschüssel zerbrochen hat.
Lektion: Wir lernen von unserer Schwiegermutter! Wenn ich will, dass die Strolche mich später einmal gerne besuchen kommen, dann weiß ich wenigstens jetzt schon, wie ich mich auf keinen Fall verhalten sollte…
Lilli legt los - 27. Aug, 07:43
Lilli ist hier ohne groß nachzudenken (AHA!) einen Pakt eingegangen, einen Positiv-Pakt sozusagen, bei dem sie von jetzt an einen Monat lang zu allen sich bietenden Gelegenheiten des Lebens "ja" sagen soll, obwohl sie vielleicht lieber aus Scheu/Bequemlichkeit/völlig unmotiviertem Minderwertigkeitsgefühl "nein" sagen würde. Sie wird sich also von nun an nackt wie eine Schnecke ohne Schneckenhaus dem Leben entgegenwerfen - nur, um herauszufinden, wie sich das anfühlt und ob vielleicht etwas Gutes dabei herauskommt.
Die ersten paar Tage hatte das Leben wohl noch nicht gemerkt, dass es hier eine offene Tür einrennen kann, denn es blieb so ruhig und ereignislos, wie es sich manchmal in den Sommerferien verhält. Nun aber ist es wohl auf meine neue positive Haltung aufmerksam geworden, denn es fährt unablässig Termine auf, die ich mit Herzklopfen in den Kalender eintrage. So stehen heute und am Donnerstag zwei Besuche an, die im Prinzip harmlos wären, wenn nicht Monsieur am Freitag Abend wichtigen Geschäftsbesuch mit nach Hause zu bringen vorhätte, für den die Schwäbin in mir nicht nur was Feines kochen, sondern natürlich auch ordentlich putzen möchte - vielleicht in einer Nachtschicht, denn wie ich sonst alles auf die Reihe bringen soll, ist im Moment noch unklar. Eines steht fest - ich hab viel zu viel zu tun, um jetzt noch weiter zu bloggen!
Lilli legt los - 26. Aug, 08:45
Hundebesitzer sind ja schon meist ganz nette Menschen, zumindest werden sich genauso viele nette Menschen darunter befinden wie unter all den anderen Leuten, die keine Hunde haben. Trotzdem kann man nicht gut mit ihnen reden, wenn sie sich ganz verbotenerweise mit ihrem Hund in einem Park aufhalten, in dem Kinder spielen. Dabei stört mich ja gar nicht so sehr die Tatsache, dass ihr Aufenthalt in diesen Parks verboten ist, also es stört mich nicht der Verstoß an sich. Es stört mich ja auch nicht der Schwarzfahrer in der Metro, und selbst die meisten Graffitisprüher lassen mich kalt. Vielmehr stört mich die Weigerung der Hundebesitzer, die Fundiertheit des Verbots einzusehen (Hunde können beißen, vor allem kleine Kinder, deren schrille Schreie und fahrige Bewegungen selbst der klügste, liebste Hund falsch interpretieren kann, außerdem sind ihre Exkremente an Orten, an denen Kleinkinder alles aufheben und in den Mund stecken, keine gute Idee, ALSO MUSS MAN DAS NOCH EXTRA ERKLÄREN?), sowie ihre Neigung, auf etwaige Bemerkungen beleidigt oder gar aggressiv zu reagieren. Das läuft meistens so ab:
Lilli und ihre Strolche spielen Ball im Park. Ein Hund kommt hechelnd angelaufen, rennt den kleinen Strolch fast über den Haufen, schleckt ihn ab, rennt weiter, beißt in den Ball. Will spielen. Der kleine Strolch läuft zu Lilli und kriecht in ihre Kniekehlen. Der Hundebesitzer kommt angetrabt, freut sich, seinen Hund zu sehen, findet seinen Hund ganz toll.
Lilli: „Entschuldigung, aber könnten Sie wenigstens Ihren Hund an die Leine nehmen? Er macht den Kindern nämlich angst. Außerdem sind Hunde eigentlich in diesem Park verboten, weil er ja für Kinder gedacht ist, nicht wahr.“
Hundebesitzer-Reaktion 1: (wie aus allen Wolken gefallen) „Ja, aber, das ist ein ganz lieber Hund. Der tut Ihrem Kind nichts.“ Ha, ha, das Risiko möchte Lilli aber nicht eingehen. Außerdem ändert es nichts an der Tatsache, dass der kleine Strolch Angst hat und nicht abgeschleckt werden möchte. Der Hundebesitzer geht kopfschüttelnd weiter.
Hundebesitzer-Reaktion 2: (beleidigt) „Mein Hund wird Ihr Kind schon nicht fressen. Es ist ja wohl genug Platz für alle da.“ Der Platz ist für Kinder da, Hunde sind hier verboten!
Hundebesitzer-Reaktion 3: (aggressiv) „Dann rufen Sie doch die Polizei!“ Hat die Polizei nicht Wichtigeres zu tun? Lilli hatte eigentlich gedacht, man könnte sich zivilisiert darüber unterhalten…
Warum darf man von Hundebesitzern nicht erwarten, dass sie auf die anderen Anwesenden RÜCKSICHT nehmen? Warum sind sie beleidigt, wenn man ihren Hund einen Hund nennt und Kinder für wichtiger hält? Warum gehen sie nicht auf die für sie reservierten Gelände, auf denen sie ihre Lieblinge frei rumrennen lassen können? Lilli jedenfalls wird, wenn es um Hunde geht, zum Tier.
Wahrscheinlich ist das ein Gen, das mit der Geburt des ersten Kindes aktiviert wird und dazu führt, dass ganz harmlose Mütter plötzlich ganz netten Menschen die Zähne zeigen.
Lilli legt los - 25. Aug, 08:48
Letzte Nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley – nein, aber ein Alptraum der schlimmsten Sorte war es trotzdem. Ich kann mir schon ungefähr denken, was es bedeutet, wenn man von zerstörten, ausgeräumten Wohnungen und darin herumkriechenden ekligen Schalentieren träumt, die man nicht kaputtkriegt, aber weiterhelfen tut es nicht. Zum Glück gelingt es mir immer wieder beim Laufen, alle Schubladen meines Hirns für eine Weile zuzuschieben, auch wenn manche davon so voll sind, dass sie (nachts dann eben) überquellen. Eine Weile soll Ruhe da oben sein, verstanden?
Der bevorstehende Herbst verspricht, unbequem zu werden. Und dabei hatten wir noch nicht mal einen richtigen Sommer...
Lilli legt los - 21. Aug, 10:15
Im Laufe des Sommers muss Lilli zu allerhand mondänen Angelegenheiten, die in unterschiedlich eleganten Rahmen stattfinden und den immergleichen Kern von Leuten mit wechselnden Zusatzgästen zusammenführen. Lilli hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass sie aufgrund der ihr angeborenen Größe und ihrer im Laufe der Jahre anwachsenden Absätze keine Chance hat, sich in der Menge zu verstecken, sondern im Gegenteil schon beim Eintritt in einen Raum die Blicke auf sich zieht. Tatsächlich hat sie im Studium mal gelernt, dass das Auge mit Vorliebe betrachtet, was aus dem Rahmen fällt (d.h., die Bewegung inmitten von Stillstand, die Kontrastfarbe, die geschlossene Form inmitten von Linien usw.) und weiß deshalb, dass die Leute nicht absichtlich den Kopf drehen – sie können einfach nicht anders. Folglich muss Lilli auch viele Leute grüßen, was hier entweder mit Küsschen rechts/links (und nicht rechts/links/rechts wie in Frankreich) abläuft oder mit einem Händedruck, der der Schwäbin in ihr natürlich tausendmal lieber ist. Was sie aber gar nicht leiden kann, sind die Leute, die ihr die Hand geben, ohne zu drücken. Also so was Unangenehmes! Da liegt die Hand schlaff wie ein warmer Fisch in der unsrigen, wir drücken zu und spreizen anschließend die Finger, als hätten wir sie aus Versehen in Himbeergrütze getaucht und müssten nun die einzelnen glibberigen Stücke abschütteln. Da drängt sich doch glatt die Frage auf, wieso noch niemand diesen Nichtdrückern gesagt hat, dass sie dadurch genau das hinterlassen, was man einen negativen Ein-Druck nennt? Mit anderen Worten, dass sie so bei ihrem Gegenüber sofort untendurch sind? Wobei untendurch bei Lilli – aufgrund ihrer Körperlänge, nicht wahr – ziemlich weit unten ist…
Lilli legt los - 20. Aug, 08:17
Hier auf einem T-Shirt gelesen: "Ich bin nur wegen dem Bier hier" - stellen sich da bei niemandem ausser mir die Haare auf? So hatte also das Buch, das ich bei meinem letzten Deutschlandbesuch nicht gekauft habe, doch recht: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.
Lilli legt los - 19. Aug, 10:05
Schönheit liegt im Auge des Betrachters, wie man spätestens seit diesem Südstaatenfilm mit John Cusack weiß, wenn man schon nicht den kleinen Prinzen gelesen hat. Zudem wird Lilli diesen Monat von einer Zeitschrift, zu der sie sich nicht öffentlich bekennen möchte, dazu aufgefordert, vom Sehen (der eigenen körperlichen Mängel) zum Erkennen (der wahren inneren Schönheit) zu gelangen, indem sie die linke rationale Gehirnhälfte zugunsten der rechten gefühlsbetonten Gehirnhälfte ausschaltet. Und da Lilli im Moment großzügig aufgelegt ist, hat sie gleich diesen Morgen beim Laufen mit der ersten Übung angefangen, die darin besteht, seine Antennen auszufahren und bewusst mit allen Sinnen durch die Welt zu gehen.
Schwüle Hitze, Gewitter liegt in der Luft. Laufen, laufen, an der ersten Kreuzung Autos vorbeilassen. Ding, ding, tschu, tschu, da fährt der Zug in die Innenstadt. Gelbe Löwenzahnblüten, blauer Lavendel vor weißer Hauswand. Risse und Löcher im Gehweg, das kommt von der Kälte im Januar, Asphalt hält so viel Kälte einfach nicht aus. Ratteratteratter, ein Großmütterchen fährt auf dem Fahrrad an mir vorbei. Eisdiele, Schmuckgeschäft, die Bronzeskulptur einer Mutter mit Kind, der man so gern über den Kopf streicheln würde. Weiter zur Eishalle, die Plakate „Touchez pas à mon parc“ mit diesem nervenden Grammatikfehler. Dann riecht es nach Keksen, heute die Haferflockenkekse mit Apfel, eine Keksfabrik ist immer noch besser als eine Lackfabrik oder ein Gummireifenhersteller. Schweiß, Durst, Hunger, Schmerz. Schon wieder ein Polizeiauto, immer an diesem Eck, und nie sitzt jemand drin. Mit den Armen Kreise in die Luft schreiben, denn die kommen sonst zu kurz, die Arme, und es gibt nichts Hässlicheres als knitterige Oberarme. Durst. Heimkommen. Olympiamusik, die Strolche sitzen vor dem Fernseher, Monsieur schläft. Duschen. Pflatsch, pflatsch, pflatsch. Aaaahhhh.
Lilli legt los - 18. Aug, 11:09