Lilli ist kein Fan von Eishockeyspielen. Die von richtigen Profis guckt sie sich nie an, höchstens wenn Monsieur mal alle zwei Jahre Karten hat und Lilli einen Hotdog für 12 Dollar essen darf. Die vom großen Strolch können ihr auch gestohlen bleiben, denn obwohl die Anwesenheit des Strolchs auf dem Eis einigermaßen aufregend ist („Dessus! Une passe! Une PASSE! Back, back, back!!!“), müssen unbequeme und selbst für Lillis normale Hinterngröße zu schmale Holzbänke ohne Lehne, brüllende Discomusik zwischen den Spielzügen und eine Luft, die zu gleichen Teilen aus Kunsteischemikalien und dem Mief tausender Schaumstoff-Schutzausrüstungen besteht, ausgehalten werden. Vom unangenehmen Verhalten der allzu ehrgeizigen Eltern, die den Schiedsrichter anschreien und klatschen, wenn ihr Kind ein anderes gegen die Bande drückt, ganz zu schweigen. Am Wochenende aber war die Mannschaft des großen Strolches wider Erwarten in die Endrunde eines Turniers durchgedrungen und Monsieur anderweitig beschäftigt. Lilli musste deshalb mit und ließ sich ziemlich schnell von der spannungsgeladenen Atmosphäre und dem sehr ausgeglichenen Spiel der Mannschaften anstecken. Als der große Strolch schließlich in der Verlängerung in einem eleganten Bogen das entscheidende Tor schoss, gab es auch für Lilli kein Halten mehr. Sie tobte, hüpfte auf und ab und ruderte mit den Armen wild durch die Luft. Was sehr schön auf der DVD zu sehen ist, die die Spieler gleich nach dem Spiel erhielten. In HD. Nie wieder wird sie sagen können, dass Hockey sie kalt lässt…
Lilli legt los - 8. Feb, 12:15
Sollte sie aber nicht, denn Geschichten, in denen kleine Jungs so unsagbar traurig sind, machen sie fertig. Aber sie machen sie auch weich und erinnern sie daran, die zwei Strolche immer mal wieder heftig zu drücken. Und da sag noch jemand, ein Buch ist nur ein Buch ist nur ein Buch…
Lilli legt los - 1. Feb, 11:48
Sollte Lilli mal wiedergeboren werden, dann bitte als Sofa Ende Januar: hier kommt im Moment so viel American Football im Fernsehen, dass sie als Sofa den meisten Hautkontakt mit Monsieur haben könnte...
Lilli legt los - 26. Jan, 20:52
Dass Lilli nicht fit ist, wusste sie schon. Dass es aber so schlimm um sie steht, hätte sie nicht erwartet. Kaum legt die
Gruppe, deren Altersdurchschnitt durchaus jenseits von Lilli liegt, nach dem Aufwärmprogramm mit Seilspringen los, wird Lilli schlecht. Ein paar Minuten später hört sie völlig erschöpft mitten in einer Übung auf, um nicht auf der Stelle tot umzufallen, während die anderen locker weiterturnen. Das wirklich Seltsame aber ereignet sich, als ihre Trainerin ihr ein aufmunterndes „Das wird schon noch“ zuruft. Da treten ihr nämlich völlig unerwartet die Tränen in die Augen. Lilli ist verwirrt, hat sie doch noch selten aus Erschöpfung geweint. Selbstmitleid? Eher unwahrscheinlich. Schließlich hat sie damit gerechnet, den Kurs anfangs schwierig zu finden, nachdem sie nun jahrelang wegen diverser Schwangerschaften und mysteriösem Zeitmangel nur unregelmäßig zum Schwitzen kam. Erst unter der Dusche dämmert es Lilli, was wohl mit ihr los ist: es ist die Erkenntnis, dass dieser Körper keine zwanzig mehr ist und auch keine dreißig mehr, und dass er nicht mehr einfach so wie früher von null auf hundert gebracht werden kann, die ihr zu schaffen macht. Früher machte es Lilli Spaß, sich so richtig anzustrengen, und sie verließ sich darauf, dass ihr Körper mitmachte. Jetzt merkt sie, dass ihr Körper allerlei Einwände hat und schonender behandelt werden möchte. Seine Argumente sind stichhaltig: „Wenn du nicht aufpasst“, sagt er, „tu ich dir im Rücken weh. Dann kannst du nichts mehr tragen oder gar ins Auto einsteigen. Oder ich mach dich schwindlig oder verpass dir Herzstechen, dass dir Angst und Bange wird. Oder deine Kniegelenke fangen an zu quietschen und machen jeden Schritt zur Hölle.“ Tja. Es wird eine Zeit dauern, bis Lilli fit genug ist, um mit den Hausfrauen Schritt halten zu können. Wie sich doch die Ziele ändern…
Lilli legt los - 25. Jan, 11:33
Während der große Strolch mit seiner neuen, selbst bezahlten
Errungenschaft herumballert, spielt sein kleiner Bruder draußen in seiner Schneeburg. „Es ist ein McDonald’s“, erklärt er Lilli das halbrunde „Gebäude“, „und hier kann man Sachen kaufen“. Stolz zeigt er auf zahllose Eisstücke, die er gesammelt und als Ware nebeneinander aufgereiht hat. „Bezahlen musst du auch mit Eisstücken, aber vorher musst du erst was spenden für Haiti.“
Lilli legt los - 21. Jan, 08:42
Olga ist Russin, in Russland geboren und aufgewachsen und sieht so russisch aus, dass sie auch Svetlana heißen und ein Eislaufkostüm tragen könnte. Sie arbeitet in Moskau in der Marketingabteilung einer Ketchupfirma, die es ihr ermöglicht, ziemlich viel in der Welt herumzureisen und dabei schwupps (und noch dazu in München!) einen Kanadier kennenzulernen, der sie am Wochenende Lilli vorgestellt hat. Olga hat einen schweren Zungenschlag, mit dem sie ein passables Englisch spricht, trägt knackige Jeans und zeigt sich erstaunlich unbeeindruckt über das Leben, wie sie es in den letzten Tagen in Kanada beobachten konnte. Die kanadische Kälte lässt sie kalt, die Weite der Landschaft auch, die Restaurants in Montréal findet sie preiswert und von American Football versteht sie auch nicht weniger als Lilli. Miteinander telefonieren tun sie über Skype, und weder Mikrowelle noch Spülmaschine halten irgendwelche Mysterien parat. Allein, als Olga ihre Mitbringsel auspackt, überflutet eine Welle russischer Authentizität das Wohnzimmer, als stünde Anton Tschechow persönlich auf dem Teppich: eine Babuschka mit integrierter Wodkaflasche für Monsieur, ein handbemaltes glänzendes Schächtelchen für Lilli und zwei kleine Babuschkas für die Strolche sagen sehr deutlich „Russland“ und beschwören das Unbekannte, Fremde, die andere Kultur herauf, auf die Lilli eigentlich gewartet hatte. Olga ist wieder zurück nach Moskau geflogen, aber ihre Mitbringsel stehen immer noch bei Lilli auf dem Küchentisch und warten darauf, wie diese Liebesgeschichte zwischen zwei Kontinenten jetzt wohl weitergeht.
Lilli legt los - 18. Jan, 12:54
Der große Strolch hat liebe Freunde, von denen Lilli nicht gedacht hätte, dass sie allesamt mit Nerf-Gewehren in grellen Neonfarben ausgestattet sind. Lilli lebt mal wieder hinter dem Mond, und nur dank ihrer Kinder bekommt sie ab und zu einen Einblick in die richtige Welt, wie sie da draußen herumlungert. „Morgen Nachmittag ist Krieg auf dem Golfplatz“, sagt der große Strolch freudestrahlend am samstäglichen Frühstückstisch. „Wie, Krieg?“, fragt Lilli verständnislos zurück. Der große Strolch klärt sie auf: zwei Banden schlagen ihrer „Basis“ auf dem Golfplatz auf und versuchen, sich gegenseitig die Fahne abzujagen. Alle sind mit Nerfs ausgerüstet, und da der große Strolch so etwas nicht besitzt (aber gerne haben möchte, wie er gleich eifrig hinterherschiebt), leiht ihm einer seiner Freunde, der davon gleich zwei hat, eins aus. Lilli denkt nach. Früher hat sie auch Krieg gespielt, mit ausgedachten Waffen oder aber den Pistolen, die sonst nur an Fasching aus der Kiste genommen wurden. „Indianer und Cowboy“, nannten sie es damals, Lilli und die Jungs in ihrer Straße. Das Spiel bestand darin, von einem Grundstück zum anderen zu rennen, sich gegenseitig abzuschießen, „Du bist tot!“ zu rufen, und der Totgeschossene musste bis 10 zählen, bevor er weiterrennen durfte. So was gehört zur Kindheit dazu, beschließt Lilli und erlaubt dem großen Strolch, in den Krieg zu ziehen. Am Sonntag abend kommt er enttäuscht wieder nach Hause. „Es war doch kein Krieg“, sagt er mürrisch. „Die andere Bande war so gut versteckt, dass wir sie gar nicht gefunden haben.“ „Was habt ihr dann so lang gemacht?“, fragt Lilli neugierig, denn der städtische Golfplatz bietet ansonsten nur wenig Gelegenheit zum Spielen. „Wir haben uns selbst abgeschossen, das war auch lustig“, meint der große Strolch schon etwas munterer. „Aber?“, hakt Lilli nach. „Aber richtiger Krieg wäre besser gewesen.“
Lilli legt los - 13. Jan, 12:15
Es gibt Sendungen und Zeitschriften, in denen es hauptsächlich darum geht, wie man auf einen Rutsch 10 Jahre jünger aussehen kann: je nach Höhe der einzubringenden Investition wird da vorgeschlagen, aufrechter zu gehen, den Pferdeschwanz höher zu tragen oder aber Nase, Stirn, Mund und warum nicht auch noch die Ohren von einem fingerfertigen Chirurg neu drapieren zu lassen. Da werden Zähne gebleicht und zurechtgerückt, Haare gesträhnt, Augenbrauen gezupft, Garderoben neu gestylt und Absätze um Zentimeter erhöht. Alle wollen in die gleiche Richtung – vom Alter zurück in die Jugend, weil Jugend schön ist und Alter unerwünscht. Wer aber, aus welchen schwer vorzustellenden Gründen auch immer, gerne 10 Jahre älter und so bieder wie ein Waffeleisen aussehen möchte, braucht nur zu einer Geheimwaffe zu greifen: der klassisch aufgereihten Perlenkette, gerne auch mit passenden Ohrsteckern. Wer so was anhat, womöglich noch mit Halstuch im Blusenausschnitt, signalisiert, dass er kein weiteres Interesse an körperlichen Vergnügungen hat oder diese ohne zu zögern gegen ein gepflegtes Essen in einem Viersternelokal eintauschen würde. Dass er keinen Spaß versteht, weil sein Augen-Makeup verläuft, wenn er zu viel lacht, und zudem viel zu sehr damit beschäftigt ist, die Mitmenschen zu beeindrucken, um auf Komisches, Spontanes oder Anrührendes eingehen zu können. Das ist das Schlimme an Perlenketten, dass ihre Schönheit nicht den Träger interessanter macht, sondern Distanz schafft zwischen demjenigen, dem sie um den Hals liegt, und allen anderen, die sie betrachten. Dass sie „Hier!“ schreit und „Reichtum!“, als ob sie es nötig hätte, sich anzupreisen, anstatt leise all die Augen zu verführen, die über ihre Rundungen hinweggleiten…
Lilli legt los - 11. Jan, 11:47